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Worte des Metropoliten

Der Heilige Geist in der orthodoxen Tradition (Fribourg, 20.06.2017)

Vortrag gehalten am Internationalen Kongress „Komm, Heiliger Geist!”, Katholische Theologische Fakultät der Universität Fribourg, 20. Juni 2017

Einleitung

Zunächst möchte ich den Organisatoren dieser internationalen Begegnung an der Universität von Fribourg danken für die Einladung, einen orthodoxen Beitrag beizusteuern zum Thema der Konferenz „Komm, Heilger Geist“. Bereits mit dem Aussprechen dieser Worte im Geiste des Gebets stellen wir uns unter den Schirm des Heiligen Geistes. So möchte ich am Beginn meines Vortrags den Heiligen Geist anrufen durch das bekannteste in der orthodoxen Tradition an Ihn gerichtete Gebet: „Himmlischer König, Tröster, Geist der Wahrheit, Allgegenwärtiger und alles Erfüllender; Schatz der Güter und Lebenspender, komm und wohne in uns, reinige uns von aller Befleckung und errette, Gütiger, unsere Seelen.”

In diesen Tagen versuchen wir, hier die Wahrnehmung des Heiligen Geistes in unseren  Kirchen zu beschreiben und uns darüber auszutauschen, wie wir Ihn „erleben“ oder in unseren spirituellen Traditionen „erfahren“. Dabei werden wir uns dessen rasch bewusst, dass unsere menschlichen Worte dafür unzulänglich sind und alle Versuche der Systematisierung die Gefahr beinhalten, uns in einer konzeptionellen, abstrakten Welt einzuschließen mit nur geringer Auswirkung auf das konkrete geistliche Leben. Dies ist die Gefahr jeder Theologie, die zu sehr von sich selbst überzeugt ist und sich nicht fortwährend vom Geist des Gebets und der Askese inspirieren lässt. Genau deshalb sagt auch der russische Theologe Vladimir Losskij, dass die theologischen Konzepte über Gott wichtig sind, wir diese aber trotzdem ablegen sollten, nachdem wir sie benutzt haben, um Gott nicht in solche Denkmodelle einzusperren. Sonst wird die Verabsolutisierung der Konzepte Gegenstand theologischer Streitigkeiten. Die Dogmen werden Idole, wenn sie der Liebe entbehren. „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig!“ Außerdem wissen wir: „Der Geist weht wo er will“, niemand kann Seinem Wirken Grenzen setzen.

Mit dieser Beteuerung vorneweg erlaube ich mir, einige Worte über das Wirken des Heiligen Geistes in der Orthodoxen Kirche und im Leben der Gläubigen zu sagen, das so überaus wichtig ist, dass einer der bedeutendsten Vertreter der ostkirchlichen Tradition, der heilige Serafim von Sarov, sagen konnte: „Das Ziel des christlichen Lebens ist das Erlangen des Heiligen Geistes“.         

  1. Die Kirche des Heiligen Geistes

Einer der größten Theologen der russischen Diaspora, Nicolaj Affanasief, Theologieprofessor am Institut St. Serge in Paris († 1966) hat die Ergebnisse seiner Forschungen im Bereich der Ekklesiologie in einem Band zusammengefasst, dem er den Titel gab „L’Église du Saint Esprit“ (letzte Ausgabe: Cerf, 2002). Ich glaube, dass kein besser inspirierter Titel hätte gefunden werden können, um in einem Wort diese grundlegende Wahrheit der Orthodoxie auszudrücken: ihr Bewusstsein, die Kirche des Heiligen Geistes zu sein. Vater Affanasief kam zu dieser Schlussfolgerung ausgehend von der Feststellung, dass die alte Kirche sich selbst als lokale eucharistische Gemeinschaft mit dem Bischof an der Spitze verstand, in der sich die universale Kirche jeweils aktualisiert. Die Kirche (als „Versammlung der Gläubigen“) feiert die Eucharistie, und die Kommunion an Leib und Blut Christi verwandelt die Gläubigen in die Kirche (als „Leib Christi“). Diese mystische Verwandlung wird vom Heiligen Geist gewirkt; die gesamte Eucharistie ist voll Feuer und Geist, wie ein Wort des heiligen Ephraem des Syrers (4. Jh.) besagt. Es ist bekannt, welch große Bedeutung die orientalischen Christen der eucharistischen Epiklese beimessen, also der Herabrufung des Heiligen Geistes auf die Gläubigen und auf die eucharistischen Gaben von Brot und Wein, damit diese Leib und Blut Christi werden. In der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos hat die Epiklese folgenden Wortlaut: „Auch bringen wir Dir diesen geistigen, unblutigen Dienst dar und rufen und bitten und flehen zu Dir: Sende herab Deinen Heiligen Geist auf uns und auf diese vorliegenden Gaben. Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib deines Christus! Und was in diesem Kelche ist, zum kostbaren Blute Deines Christus!, sie verwandelnd durch deinen Heiligen Geist!”

Tatsächlich ist die gesamte Abfolge der eucharistischen Liturgie eine fortwährende Epiklese, die in der Weihe der Gaben und dem Zeon gipfelt, warmem Wasser als Symbol des „Glaubens voll des Heiligen Geistes“, das in den Heiligen Kelch vor der Kommunion eingefüllt wird. Der heilige Ephraem sagt: „Von nun an werdet ihr das allreine unbefleckte Pascha kosten, das gegorene und vollkommene, vom Heiligen Geist geknetete und gebackene Brot, und den mit Feuer und Geist vermengten Wein.“ (Ephrem, Sermon sur la Semaine Sainte, ed. Lamy s. Ephraemi Syri Hymni et Sermones, vol. I Malines 1883, 390 u. 418).

Die Kirche ist vom Heiligen Geist erfüllt, weil der Geist alles mit seiner Gegenwart erfüllt. Ein Sticheiron der Vesper des Pfingstfestes besagt: „Alles spendet der Heilige Geist. Weissagungen lässt er hervorquellen, vollendet Priester, Unwissende lehrt Er Weisheit, macht Fischer zu Gottesgelehrten, schmiedet zusammen die ganze Lehre der Kirche.“ (Große Vesper des Pfingstfestes, 3. Sticheiron auf 1. Ton).Die Liturgie der Sakramente, der Segnungsgottesdienste, der Tagzeitengebete, alles Beten und Wirken der Kirche sind vom Heiligen Geist inspiriert, in allem wirkt der Geist Gottes. Daher beginnt in der Orthodoxen Tradition das Gebet der Kirche wie auch das persönliche Gebet der Gläubigen stets mit dem oben zitierten Gebet der Herabrufung des Heiligen Geistes. Durch die Herabrufung des Heiligen Geistes am Anfang jedes Gebets zeigen wir uns dessen bewusst, dass nicht wir aus unseren eigenen Kräften das Gebet verrichten, sondern der Geist Selbst es ist, der in uns mit unaussprechlichem Seufzen betet (vgl. Römer 8, 26). Die ostkirchliche Tradition hat niemals die Rolle des Sohnes auf Kosten des Geistes überhöht, sondern hatte stets das gemeinsame Wirken der drei Personen der Heiligen Trinität im Blick. Fast alle Gebete der Kirche, unabhängig davon ob sie diese an den Vater oder den Sohn oder den Heiligen Geist, an die Gottesmutter oder die Heiligen richten, schließen mit einer trinitarischen Doxologie. Sogar das Herrengebet des „Vaterunser“ schließt mit den Worten: „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“. Mit einer trinitarischen Doxologie beginnt auch das Ritual der Sakramente der Kirche mit der eucharistischen Liturgie an der Spitze: „Gesegnet sei das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.”

Eine patristische Maxime besagt, dass „der Vater alles wirkt durch den Sohn im Heiligen Geist“. Dies wäre die „herabsteigende“ Bewegung der trinitarischen Gnade (Deszendenz). Doch es gibt auch die „aufsteigende“ Bewegung der Gnade (Aszendenz).  Über diese beiden Bewegungen sagt der heilige Basilius der Große: „Der Weg zur Erkenntnis Gottes führt von der Erkenntnis des Einen Geistes, durch den Einen Sohn zu dem Einen Vater. Und umgekehrt nehmen die Güte, die Heiligkeit und die königliche Würde ihren Ausgang vom Vater durch den Einen Sohn und gelangen zum Geist“. (Despre Duhul Sfânt XVIII, Migne: Patrologia Graeca vol. 32, col. 153 PSB vol. 12, S. 62.) Und der Geist teilt diese den Gläubigen mit. Der Heilige Geist ist der Träger der trinitarischen Gnade, die die ganze Schöpfung heiligt. Durch den Heiligen Geist wird jede Seele belebt und durch Reinheit erhöht, erleuchtert durch die dreifache Einheit in heiligem Geheimnis” (Morgengottesdienst, 1. Antiphon des 4. Ton)Die Orthodoxe Tradition nennt den Vater Schöpfer, den Sohn Erlöser und den Heiligen Geist den Heiligenden.

2.      Der Heilige Geist – Der Heiligende        

Der Heilige Geist ist die geheimnisvollste Person der Heiligen Trinität. Wenn der Vater sich durch den Sohn offenbart hat, der Mensch geworden ist und für die Menschen sichtbar wurde („Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14, 9), so hat der Heilige Geist Sein Antlitz nicht offenbart. Wie wir wissen, erscheint der Heilige Geist im Neuen Testament bei der Taufe des Herrn in Form der Taube und zu Pfingsten in der Form der Feuerzungen. Der Theologe Vladimir Losskij sagt, dass das Antlitz des Geistes sich auf dem Antlitz aller widerspiegelt, die sich der Heiligkeit annähern. Das Antlitz des Heiligen ist das Antlitz des Geistes! Dies deshalb, weil der Heilige Geist es ist, der die Heiligung in den Gläubigen wirkt, der Sein Antlitz ihrem einprägt. Auch wenn die Heiligung ausschließlich eine Gabe des Geistes ist, so ist sie doch nicht nur Sein Wirken. Der Geist erwartet unser Mitwirken durch Glauben und den Kampf gegen die Sünde und die Leidenschaften, um die Tugenden zu erlangen. Hier geht es um eine geheimnisvolle Synergie zwischen dem Wirken des Geistes und dem Willen des Gläubigen sein ganzes Leben lang. „Denn wir sind Gottes Mitarbeiter“ (1. Korinther 3, 9). Hier müssen wir an zwei Maxime der asketischen Tradition erinnern, und zwar: „alles ist Gnade“ (wobei die Gnade kostenlos ist) und „gib dein Blut, um die Gnade zu empfangen“. Das sind zwei Aussagen, die sich logisch widersprechen, auf der Ebene des Glaubens aber beide wahr sind. Sie übersteigen die Vernunft und können nur im Glauben verstanden werden. Und der Glaube setzt die „Kreuzigung der Vernunft“ im Blick auf die rein natürliche Erkenntnis und ihre Erhöhung auf eine höhere Art des Denkens voraus. Hier geht es um den Tod und die Auferstehung oder die Verwandlung der Vernunft.         

Dass „alles Gnade ist“, ist eine grundlegende Wahrheit des christlichen Glaubens, die von der geistlichen Erfahrung der Gläubigen, besonders von den Mönchen, stets bestätigt wird. Der heilige Apostel Paulus sagt: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es“  (Epheser 2, 8). Im Brief an die Philipper heißt es: „Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach Seinem Wohlgefallen“ (Phil. 2, 13). Und im Römerbrief heißt es: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Korinther 4, 7)Und der Herr sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Johannes 15, 5)

In dem oben zitierten Gebet „Himmlischer König“ wird der Heilige Geist „Lebensspender“ und „Erfüller oder Vollender“ von allem genannt, denn das Leben kommt von Ihm und Er ist es auch, Der den Menschen und die Welt auf unerforschlichen Wegen zur Vollendung führt. Der Gläubige wird sich allmählich dieser großen Wahrheit bewusst und wird des Wirkens der Gnade in allen Ereignissen seines Lebens gewahr, den großen wie den kleinen, den positiven wie den negativen. Es kann auch vorkommen, dass der Gläubige erst im Nachhinein das Wirken des Geistes versteht, wenn er auf die Ereignisse aus seinem Leben zurückblickt, deren Bedeutung er bisher nicht erkannt hatte. Ja er gibt sich sogar Rechenschaft darüber, dass sogar im Stand der Sünde oder der Leidenschaft der Geist wirkt, versucht er doch, ihn zur Umkehr zu bewegen durch das Erwecken des Sündenbewusstseins und das Anerkennen des eigenen Unvermögens. „Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.“ (Römer 5, 20). So kommt der Gläubige zu der Erkenntnis, dass alles Gnade ist, dass Gott in seinem ganzen Leben gegenwärtig ist durch das  geheimnisvolle Wirken des Geistes.

Trotzdem sind die Gegenwart und das Wirken des Geistes in der Seele des Menschen und in der Welt unergründlich und sie werden dem Menschen nicht aufgezwungen, um seine Freiheit nicht zu verletzen. Vor der Freiheit zieht sich der Geist zurück und überlässt es dem Menschen zu wählen. Doch der Mensch selbst muss Anstrengungen unternehmen um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass in seinem Leben nichts zufällig, sondern alles ein Werk der Vorsehung ist.

Andererseits führt uns unser alltägliches Leben zu der Erkenntnis, „dass wir unser Blut geben müssen, um die Gnade zu empfangen“, d. h. wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um gegen die Sünde zu kämpfen, die die Gnade aus unserem Herzen vertreibt oder sie unwirksam werden lässt. „Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde“ (Hebräer 12, 4). In diesem Sinne spricht der Märtyrertheologe Dietrich Bonhoeffer von der Gnade, die bezahlt werden muss. Er sagt: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade“. Ähnlich äußert sich ein zeitgenössischer orthodoxer Theologe, Vladimir Zielinskij, wenn er festhält: „Nehmt das Kreuz aus dem Evangelium weg und ihr werdet ein Evangelium für „fromme“ Konsumenten haben“.             

Alle geistlichen Väter unterstreichen nachhaltig die Bedeutung der Askese im Prozess der Erlösung, der Heiligung oder der Vergöttlichung des Menschen. Niemand kann erlöst werden ohne seinen eigenen Beitrag zu diesem geheimnisvollen Prozess beizutragen, in dem die Gnade Hand in Hand wirkt mit dem Willen des Gläubigen. Die Väter sprechen von einem „Verspüren“ oder einer „Wahrnehmung der Gnade“, die bei der Taufe empfangen wurde. Sonst leben wir in einer „geistlichen Unsensibilität“. Es ist wahr, dass die Gnade selbst das Bewusstsein für das Einhalten der Gebote weckt, doch wirkt die Gnade selbst nur in dem Maße der Erfüllung der Gebote. Der heilige Markus der Eremit (4. Jh.) sagt: „Die Gnade wirkt nach dem Maße der Erfüllung der Gebote. Die Gnade hört niemals auf, uns auf verborgene Weise zu unterstützen, doch hängt es von uns ab, das Gute zu tun, zu dem wir die Kraft haben“. (Marcus Eremita/rum. Marcu Ascetul,  Despre cei ce-și închipuie că se îndreptățesc în fapte, în 226 de capete, text în PG 65, 930C-966A, capătul 61, Filocalia vol. I p. 254, ed. Sibiu 1947)

Wohl kein anderer geistlicher Vater hat mehr auf der Notwendigkeit des „Verspürens“ oder der „Wahrnehmung“ der Gnade insistiert wie der heilige Symeon der Neue Theologe. Zur „Wahrnehmung der Gnade“ zu kommen ist für ihn ein Imperativ für jeden Christen. Das Sakrament ist nicht gültig ohne die bewusste Teilnahme des Gläubigen. Aus den Schriften des heiligen Symeon könnten wir sagen, dass wir nur in dem Maße Christen sind, in dem wir die Taufgnade durch eigene Anstrengung zum Wirken bringen, indem wir nach den Geboten Gottes leben. Genauso sind wir nur in dem Maße Diakone, Priester oder Bischöfe, in dem wir die bei der Weihe empfangene Gnade fruchtbar werden lassen durch den besonderen Dienst, zu dem wir gerufen sind. In jedem Sakrament der Kirche empfangen wir eine besondere Gnade, die in den Dienst des Baus der Kirche gestellt werden muss. So leben wir aus der Gnade und durch die Gnade! Die Gnade wiederum weckt in uns die Kraft, uns immer stärker im geistlichen Kampf gegen die Sünde zu engagieren, die das Antlitz Gottes in uns verdunkeln und uns zur Unsensibilität und zum seelischen Tod führen.

 3.      Das Gebet und die Askese als Mittel des Kampfes gegen die Sünde und für das Erlangen des Heiligen Geistes

Die Sünde ist die tragischste Wirklichkeit im Leben des Menschen und des Universums. Der Fall der ersten Menschen hatte kosmische Konsequenzen, die bis zum Ende der Zeiten nachwirken. Diese sind im Leben jedes Menschen und in der Umwelt zu spüren als Zerstörung der von Gott in das Wesen der Menschen und der Dinge eingepflanzten Harmonie. Kosmos bedeutet Harmonie. Der Kosmos rekapituliert sich im Herzen des Menschen, er wird mit dem Herzen erniedrigt oder geheiligt. Die ganze Schöpfung seufzt nach der Freiheit der Kinder Gottes, sagt der Apostel Paulus (vgl. Römer 8, 21). Die heiligen Väter nennen Christus den „totalen Adam“ oder „universalen Mensch“ denn, da er sündlos war, rekapitulierte er in Seinem menschlichen Wesen die gesamte Menschheit und den ganzen Kosmos und stellte die ursprüngliche Harmonie wieder her. Und das Wesen des Herrn ist der Same, die die Gärung des menschlichen Geschlechts aufgehen lässt. Alle, die sich mit Christus vereinen, können sich über die Sünde erheben und so die durch die Sünde verlorene Harmonie wiederherstellen. Dies ist die Heiligung, die Erlösung oder die Vergöttlichung des Menschen, die die Gnade des Heiligen Geistes, die er in der Taufe und in den Heiligen Sakramenten empfangen hat, in der Seele des Gläubigen wirkt. Doch wirkt die Gnade wie gesagt nicht ohne die Mitwirkung des Gläubigen durch Glauben und Askese. Das Herz ist eine unerforschliche Tiefe, weil in ihr die Gnade wirkt. Es ist die innigste Mitte des menschlichen Wesens, der Ort, in dem sich alle menschlichen psycho-physischen Energien konzentrieren.

Daher konzentriert sich die orthodoxe Spiritualität auf das Herz, sie zielt auf die Heiligung des Herzens, denn durch die Heiligung des Herzens wird der ganze Mensch geheiligt wie auch das Universum, das sich in ihm konzentriert. Und das Gebet ist eine „Reise zum Ort des Herzens“, auf das hin sich alle Energien unseres Wesens konzentrieren müssen. Durch das Gebet bewirkt die Gnade es, dass die unzähligen Energien, die unser Wesen durchströmen und sich im Herzen konzentrieren, von dem sie ausgehen und wohin sie immerzu zurückkehren müssen, damit wir uns der seelischen Harmonie und Ausgeglichenheit erfreuen können. Der Verstand selbst ist eine Energie des Herzens. Er muss immerzu im Gebet ins Herz hinabsteigen. Nur so können die Gedanken daran gehindert werden, sich zu zerstreuen, und klären sich, damit das Herz Frieden und Freude als Früchte des Wirkens der Gnade verspürt.

Freilich lassen sich die Aufmerksamkeit und die Konzentration des Verstandes im Herzen nicht leicht verwirklichen, vor allem wenn der Gläubige keine lange Gebetspraxis hat. Nachdem der Verstand mehr daran gewöhnt ist, sich mit den äußerlichen Dingen der Welt zu beschäftigen, fällt es ihm schwer, sich im Herzen zu konzentrieren, wenn er betet. Daher müssen wir uns zum Gebet nötigen. Die geistlichen Väter, die Erfahrung im Gebet gesammelt haben, sagen, dass der Teufel nichts mehr hasst als das Gebet und darum alles unternimmt, um uns daran zu hindern, mit reinem Herzen zu beten. Jeder stellt fest, wie schwierig es ist, den Willen zum Gebet zu entwickeln und wie sehr unser Verstand von fremden Gedanken bekriegt wird, sogar in der Zeit des Gebets. So kommt es, dass wir nicht den Frieden des Herzens und die Freude des Gebets verspüren. Die asketischen Väter kennen und beschreiben mit großer Präzision den „Kampf der Gedanken“ als dämonisches Wirken im Menschen, das ihn unablässig verwirrt. Das griechische Wort „Diabolos“ für den Teufel bedeutet „der Spalter“, der die Einheit und Harmonie durch Verwirrung und Hass zerstört, die er im Herzen des Menschen stiftet und sät. Wenn das Werk des Teufels par excellence die Spaltung ist, dann bewirkt der  Geist das Gegenteil – die Harmonie und die Gemeinschaft.

Das Gebet wird von einem in allem maßvollen Leben und besonders der Zurückhaltung beim Essen und Trinken unterstützt. Das Fasten ist eine uralte Praxis, die in allen Religionen in unterschiedlichen Formen gegenwärtig ist. Die Orthodoxe Kirche hat die Tradition des Fastens aus den ersten christlichen Jahrhunderten bewahrt; ja sie hat vielmehr noch Fastenzeiten über das Jahr ergänzt.

Die geheimnisvolle Einheit aus Leib, Seele und Geist (vgl. 1. Thessaloniker 5, 23) setzt die Mitwirkung des Leibes an allen spirituellen Akten voraus, so wie auch die Seele und der Geist an allen Akten des Körpers mitwirken. Der Gläubige ist aufgerufen, bis in seinen Leib hinein geistlich zu werden, auch aus Furcht, nicht bis in seine Seele und seinen Geist hinein fleischlich zu werden.

Der Leib wird vor allem von der Völlerei beherrscht, die die „Mutter der Hurerei“ ist. Das zu gute Leben schwächt die Seele und verführt den Verstand zur Sinnlichkeit, indem sie in beiden die körperliche Begierde entfacht. Daher sagen die Väter, dass niemand mit vollem Magen beten kann und der Heilige Geist nicht in einem von körperlichen Begierden verwirrten Herzen wohnen kann. Ohne strenge Selbstzügelung beim Essen und Trinken und andere asketische Bemühungen ist es unmöglich, dass wir die leidenschaftlichen Aufwallungen unseres Leibes überwinden. Der heilige Johannes Klimakos sagt: „Wer den Dämon der Hurerei mit Völlerei besiegen will gleicht dem, der Feuer mit Gas löschen will.“ Und vom Fasten sagt er, dass es „das Innehalten der (körperlichen) Entflammungen darstellt, das Vertreiben der bösen Gedanken, die Befreiung von Phantasien, die Reinigung des Gebets … die Wachsamkeit über den Geist … die Gesundheit des Leibes, der Grund unserer Leidenschaftslosigkeit, die Vergebung der Sünden, die Pforte und Wonne des Himmels“. Die Völlerei hinwiederum stellt als „Tyrannin aller Lebenden“ ihre Brut folgendermaßen dar: „mein erster Sohn ist der Diener der Hurerei; der zweite nach ihm ist Diener der Verhärtung des Herzens; der dritte ist der Schlaf. Daraus entströmt ein Meer aus Gedanken, Wellen der Leidenschaft, voller unerkannter und unaussprechlicher Unreinheit“ (Hl. Johannes Klimakos, Scala Paradisi, Kap. IV, 31).

Auch wenn die orthodoxe geistliche Tradition keineswegs den Leib geringachtet, der „Tempel des Heiligen Geistes“ ist (1. Korinther 6, 19) und die Seele nicht in einen Gegensatz zum Leib bringt, die beide zur Heiligung aufgerufen sind, so ignoriert sie doch nicht, dass der Leib sich im Stand der Sünde gegen den Geist auflehnt, so als ob es in uns zwei „Gesetze“ gebe, das des Leibes und das des Geistes, die gegeneinander kämpfen (vgl. Römer 7, 15-25). Doch die Gnade überwindet, unterstützt von Gebet und Askese, diesen Dualismus und vergeistigt den Körper. Diese Erfahrung der allmählichen Vergeistigung des Körpers durch die Gnade ist das Zeichen des geistlichen Voranschreitens auf dem Weg der Heiligung. Der „fleischliche Mensch“ wird immer mehr zum „geistlichen Menschen“ (vgl. 1. Korinther 2, 13-15).

So gelangt der Mensch zur Vergeistigung bzw. zur geistlichen Verklärung des Leibes und der Materie, dem Endziel des Menschen und der Schöpfung.

4.  Allein das Kreuz ist Theologe: das Ertragen von Leidenserfahrungen 

Das christliche Leben, gleich dem Leben des Erlösers Jesus Christus, ist ein fortwährendes Tragen des Kreuzes: „Wer Mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge Mir nach.“ (Lukas 9, 23) Niemand kann Christus nachfolgen ohne den Willen und den Mut, das Kreuz jeden Tag zu tragen, das Gott einem auferlegt, und das in der  festen Gewissheit, dass sich in diesem Kreuz auch auf geheimnisvolle Weise die Auferstehung oder der Sieg verbergen. Kreuz und Auferstehung sind so innig miteinander verbunden, dass sie nicht getrennt werden können. Für den gläubigen Menschen gibt es kein Kreuz, in dem nicht auch die Auferstehung eingeschlossen ist und es gibt keine Auferstehung ohne Kreuz. Durch das tagtägliche Ertragen des Kreuzes aus freien Stücken und im Glauben macht der Gläubige die Erfahrung des Todes: er stirbt allmählich der Sünde und der Knechtschaft der Sünde ab und gewinnt immer mehr Geschmack am ewigen Leben. Der Sinn des Kreuzes ist es gerade, in uns die Leidenschaften und Begierden zu überwinden, die uns an die Welt binden, um in uns die Sehnsucht nach der anderen Welt zu wecken. So machen wir in den Leidenserfahrungen und Schwierigkeiten des Lebens die Erfahrung unserer ontologischen Unfähigkeit und geben uns in allem Gott hin, unserem einzigen Erlöser. Im Grunde besteht das ganze Leben des Christen aus partiellem Sterben und Auferstehen. Und bei diesem partiellen Sterben und partiellen Auferstehen ist die wirksame Gnade Gottes immer gegenwärtig, die uns zum endgültigen Sieg führt.      

 „Allein das Kreuz ist Theologe“, sagen die Väter. Dies ist eine grundlegende Wahrheit des Glaubens! In der Tat vereint nur das Kreuz, d.h. das im Glauben erduldete und als Folge der eigenen Sünde erkannte Leiden, den Gläubigen mit Christus. Denn im Leiden entdecken wir die unendliche Liebe Gottes für den Menschen und für die Welt und beten unter den Tränen der Reue wegen unserer eigenen Sünden und der Sünden der ganzen Welt. Und Gott vergilt uns mit Seinem göttlichen Trost, der süßer ist als alle Vergnügen dieser Welt, Der uns Frieden des Herzens und Mut schenkt, um bis zum Ende zu kämpfen. So wird das Leiden zum Anlass für unsere Umkehr zu Gott, zur Vertiefung des geistlichen Sinnes unseres und zur Erlösung. Ein nicht im Glauben angenommenes Leiden bleibt ein Leiden ohne Sinn – ein quälendes und verzweifeltes Leiden, das nicht erlöst.

So gibt es nur wenige, die das Geheimnis des Leidens verstehen. Die meisten lehnen Leid ab, weil es für sie nur ein Grund für Verdruss und sogar zum Aufstand gegen Gott darstellt. Und doch hört die Gnade nicht auf, auf unerforschlichen Wegen sogar im Leben derer zu wirken.

Bei dem Versuch, in die Geheimnisse des Leidens einzudringen, sagen die Väter der asketischen Tradition, dass Gott den Menschen auf zwei Wegen zur Erlösung und Vollendung führt: auf dem positiven Weg der Vorsehung oder auf dem negativen Weg des Gerichts. Die Vorsehung weckt im Menschen die Bereitschaft, sich auf dem Weg der Vollendung zu bemühen, indem sie ihm die Schönheit des Guten, die göttlichen Sinngehalte in der Schöpfung und auch die inneren Anweisungen des Gewissens vor Augen stellt. Der Weg des Gerichts besteht im Leiden und schmerzhaften Prüfungen, die als Folgen unserer Sünden über uns kommen. „Wer Gott liebt wird von der Vorsehung vergöttlicht, während der, der den Körper liebt, vom Gericht davon abgehalten wird, ins Verderben zu geraten.“ (Hl. Maximus Confessor, Răspunsuri către Talasie, Frage 54, Filocalia, Sibiu, 1948, ed. I, vol. 3, p. 252). Der Weg der Vorsehung und der Weg des Gerichts alternieren im Leben des Menschen, entsprechend seiner Entscheidung, Gutes oder Böses zu tun. Doch niemand kann ohne Leiden erlöst werden. Wenn es mit Glauben und Hoffnung ertragen wird, erweist sich das Leiden als größter Segen Gottes im Leben des Menschen. Daher ist in der ostkirchlichen Tradition immer wieder vom Leiden als Auslöser von Freude oder der „Freude des Leidens“ die Rede.     

5    Der Dienst an den Nächsten

Das Gebet, die Askese und vor allem das Ertragen des Kreuzes der Leidenserfahrungen und Prüfungen des Lebens hilft dem Gläubigen dabei, ein „mitleidendes Herz“ zu erlangen (Hl. Isaak der Syrer, 7. Jh.), welches das Ergebnis des Wirkens der Gnade in der Seele darstellt. Ein mitleidendes, liebendes oder barmherziges Herz ist das Zeichen der Wiederherstellung des menschlichen Wesens in seiner ursprünglichen Einheit. Es rekapituliert in sich auf wirklichste Weise die ontologische Einheit der Menschheit und des Kosmos. Alles lebt in einem mitleidsvollen Herzen: Menschen, Tiere, Pflanzen, alle organische und anorganische Materie. So wird der Gläubige zu einer Person nach dem Bild der göttlichen Personen ein „universaler Mensch“, der „totale Adam“. Wie auch Christus ist er von nichts und niemand mehr getrennt, denn er trägt alles in sich. Nichts ist ihm mehr äußerlich und fremd, nichts ist ihm mehr gleichgültig. Er fühlt sich verantwortlich für alle und für alles, was in der Menschheit und im Universum geschieht.

Hier geht es um das ontologische Fundament des Dienstes an den Nächsten, die nicht nur von uns unterschiedene Individuen sind, sondern eigene Glieder unseres Leibes und Glieder des Leibes Christi (vgl. 1 Korinther 10, 17; 12, 12 – 13 u. 17). Der Gläubige, der ein mitleidendes Herz erlangt hat, wird sich auf sehr entschiedene Weise in den Dienst der Nächsten stellen, mit denen Christus sich identifiziert. Jesu Gerichtsrede im Kapitel 25 des Matthäus-Evangeliums ist ein beeindruckendes Bild des Jüngsten Gerichts, und zwar genau nach dem Kriterium des Dienstes am Nächsten, der sich nicht nur auf einfache mildtätige Handlungen reduziert, sondern das Leiden in all seinen Aspekten umfasst und einschließt, unter denen der geistliche Aspekt zweifellos der wichtigste Aspekt ist. Jedes Leiden ist zuerst ein geistliches Leiden. Es ruft danach, geteilt zu werden, um gelindert zu werden. Dabei ist es unmöglich, jemandes Schmerz zu teilen, wenn du kein gutes und mitleidendes Herz hast.

Ein solches mitleidendes Herz wird auch durch den Dienst an den Nächsten selbst erlangt. Denn je mehr wir uns in den Dienst für die Nächsten stellen und je mehr Gutes wir tun, umso mehr wächst in uns die Liebe. Und den Nächsten zu dienen bedeutet, immer für sie da zu sein, ihnen zu helfen, wo sie es nötig haben, für sie zu beten, sie auf dem Weg zum Guten geistlich zu beraten... Die heiligen Wüstenväter, von denen wir die berühmten „Apophthegmata“ haben (Weisungen in Form kurzer Maximen und Sinnsprüche) haben sich zwar aus der Welt zurückgezogen, um zu einem heiligen Leben zu kommen und dadurch auch die Welt zu heiligen, schätzten den Dienst am Nächsten, vor allem an den Kranken, aber sogar noch höher ein als das Gebet und das Fasten. Dazu ein „Apophthegma“ in diesem Sinne: „Ein Mönch fragte einen älteren Bruder und sagte: Vater, wenn von zwei Brüdern einer schweigsam in seiner Zelle sitzt und mit großer Selbstzügelung die ganze Woche fastet und täglich viel arbeitet, ein anderer aber den Kranken im Krankenlager mit Eifer und Hingabe dient, wessen Arbeit wird von Gott mehr geliebt und mit größerem Wohlwollen angenommen? Der ältere Mönch antwortete: Jener, der in seiner Zelle sitzt, viel betet und sechs Tage die Woche fastet, jedoch der Liebe und des Mitleids gegenüber den Brüdern entbehrt, kann niemals dem gleichen, der den Kranken dient, auch wenn er sich auf den Kopfstellt“ („Apophtegmata Patrum“ thematische Kollektion, Kap. 5, „Über die Liebe“).

Es kann also vorkommen, dass einige der sonst im Gebet fleißigsten Christen nicht zur Nächstenliebe fähig sind, die sich in den Werken der Barmherzigkeit äußert. Das bedeutet, dass ihr Gebet noch nicht zum Herz „hinabgestiegen“ ist, um es zu verwandeln. Es besteht also eine reale Gefahr, dass wir uns an ein formales und oberflächliches Gebet gewöhnen, welches das Herz nicht verwandelt, weil es nicht bis ins Herz vordringt, sondern nur auf den Lippen oder im Kopf bleibt.

Fazit

Die Orthodoxe Kirche wird zu Recht „Kirche des Heiligen Geistes“ genannt. Die Theologie und ihre Spiritualität sind vom Heiligen Geist inspiriert. Trotzdem vermochten die Diener der Kirche, Hierarchen wie Priester, es entlang der Jahrhunderte nicht, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Kirche als Institution und der Kirche als geistlichem Ereignis und Geschehen zu bewahren. Häufig wurde der Geist um der Institution, der Regeln und Kanones willen erstickt. Es ist wahr, dass die Kirche nicht ohne Regeln und Kanones existieren kann, doch darf sie nie vergessen, dass diese nicht gegeben wurden, um den Geist einzusperren, sondern um Seine Entfaltung und Sein Wirken zu erleichtern. Dies ist tatsächlich eine fortwährende Herausforderung für jeden Gläubigen, Priester oder Bischof in seinem eigenen persönlichen Leben, aber auch im Leben der Kirche als Institution. Der Heilige Geist ist in seiner Gegenwart so delikat, dass Er sich beim kleinsten Widerstand seitens des Menschen aus Respekt vor der menschlichen Freiheit zurückzieht, aber auch zurückkehrt, wenn dieser demütig wird und Reue zeigt.      

Übersetzung: Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, Selb

 

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