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Worte des Metropoliten

Sterben und Auferstehen mit Christus (Münster, 12.09.2017)

Vortrag gehalten am Internationalen Konferenz „Wege des Friedens”, organisiert von Gemeinschaft „Sant' Egidio” in Münster, 10-12 September 2017

 Der große französische Denker und Theologe Olivier Clément († 2009) sagte einmal, dass das Christentum keine Religion ist wie die anderen Religionen; es sei im Grunde überhaupt keine Religion - wenn wir unter Religion eine Summe von Vorschriften oder Regeln verstehen -, sondern vielmehr eine Krisis aller Religionen. Das Christentum ist nach Clément das Leben selbst, das neue Leben in Christus. Dieses neue von Jesus Christus eröffnete Leben überschreitet jede Regel und jede Einschränkung, weil es die Freiheit im Heiligen Geist bedeutet. Trotzdem können wir zu diesem neuen Leben, verstanden als Freiheit im Heiligen Geist, nur gelangen, wenn der „alte Mensch” in uns abstirbt.

 „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht”. (Johannes 12,24). Durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und mit Ihm auferstanden, wir haben den alten Menschen in uns begraben und den neuen Menschen nach dem Bilde Christi angezogen, wir sind nach dem Gesetz der Sünde gestorben, damit wir dem Gesetz Gottes dienen können (vgl. Römer 7,25). Doch dieses Sterben und Auferstehen mit Christus stellen nicht nur einen bei der Taufe erlebten Moment dar, sondern einen Prozess, der unser ganzes Leben über andauert. Das christliche Leben stellt im Grunde eine ständige Aktualisierung der Taufe dar, also des Sterbens und des Auferstehens mit Christus.

 Derselbe Olivier Clément sagte, dass unser Leben aus immer wieder partiellen Sterben und Auferstehen besteht bis zum Sterben des Leibes und die endgültige Auferstehung. Wir sterben an jedem Tag ein wenig, wenn wir negative Erfahrungen machen, bei denen wir bemerken, dass unser Leben abnimmt; und wir erleben immer wieder eine Auferstehung, wenn wir Gottes Hilfe erbitten. Alle negativen Erfahrungen im Leben eines jeden Menschen wie auch der gesamten Welt stehen in einer direkten oder indirekten Verbindung mit der Sünde, die den Tod bringt. Denn „der Sünde Sold ist der Tod” (Römer 6,23).

 Der gläubige Mensch hingegen erkennt in allen Erfahrungen im Leben, den positiven wie den negativen, das Wirken der göttlichen Gnade, die den Menschen auf geheimnisvolle Weise zur Erlösung führt – denn „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen” (1. Timotheus 2,4) - und er lernt, sich von der Sünde fernzuhalten und das Gute zu tun. Er bemüht sich Tag für Tag, „der Sünde abzusterben” und „der Gerechtigkeit zu leben” (1. Petrus 2,24). Doch der Sünde abzusterben, also den Egoismus und die übertriebene Selbstliebe abzulegen , die uns leidenschaftlich an diese Welt bindet, ist überhaupt nicht leicht. Dieser Kampf mit der Sünde muss bis aufs Blut geführt werden. „Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet”, heißt es im Brief an die Hebräer (12,4).     

 Christus warnt uns: „Wer sein Leben liebhat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben” (Johannes 12,25). Hierbei geht es um die leidenschaftliche Liebe zum eigenen Leben, um das Verhaftetsein an die Güter und Vergnügungen dieser Welt, die unseren Horizont vor der Ewigkeit verschließen. Christus ruft uns auf, Ihm zu dienen und Ihm nachzufolgen: „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein” (Johannes 12, 26). Die Apostel waren die ersten, die Christus nachgefolgt sind und Ihm gedient haben. Danach alle Christen zu allen Zeiten. Christus zu dienen heißt konkret, an Seinem Leben und Seiner Mission teilzuhaben, die in Seinem Tod und Seiner Auferstehung zur Erlösung und zum Heil der Welt ihren Höhepunkt gefunden haben. Christus zu dienen bedeutet, eins zu sein mit Ihm in Seiner grenzenlosen Liebe zur Welt und jederzeit bereit zu sein, das eigene Leben für die Nächsten zu geben. Dies können wir auch aus dem Wort des Herren entnehmen: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass Er Sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe Sein Leben zu einer Erlösung für viele” (Matthäus 20,28). Aus dem Evangelium nach Matthäus Kapitel 25 wissen wir, dass der Maßstab, nach dem beim Endgericht gerichtet werden wird, genau dieser Dienst für die Nächsten sein wird, mit denen Christus sich identifiziert.        

 Aber wir können nicht am Leben Christi und Seiner Mission teilhaben, wenn wir nicht allmählich der Sünde und uns selbst absterben, wenn wir nicht unseren Egoismus überwinden und uns nicht immer stärker an die Verlockungen, Güter und Dinge dieser Welt binden. Aus diesem Grund legt die orthodoxe Welt einen besonderen Akzent auf die Askese. Die Askese bedeutet eine Übung in der Selbstzügelung und im Kampf mit sich selbst, um die leidenschaftlichen Begierden zu überwinden, die das Wirken der im Herzen seit der Taufe eingegossenen und verborgenen Gnade behindern.    

 Es gibt in erster Linie eine Askese des Gebets. Zu beten ist nicht immer leicht. Ganz im Gegenteil! Das Gebet kann dich langweilen, es kann oberflächlich und dürftig bleiben. Daher beten sehr viele Christen gar nicht. Um die Freude des Gebets zu erleben müssen wir uns ernsthaft und innerlich bemühen, mit der notwendigen Aufmerksamkeit zu beten, damit der Verstand, der eine Energie des Herzens ist, sich aus seiner Zerstreuung sammelt und „ins Herz hinabsteigt” beziehungsweise sich „mit dem Herzen vereint”. Nur so können wir uns des Seelenfriedens und des Friedens im Herzen erfreuen.      

 Daneben gibt es eine Askese des Fastens und der Selbstzügelung beim Essen und Trinken, die von uns verlangt, dass wir ein gemäßigtes Leben führen, damit wir umso innerlicher und tiefgründiger beten können und zur Selbstbeherrschung kommen, dass wir also frei werden gegenüber den Dingen, Verlockungen und Gütern dieser Welt.

 Auch gibt es eine Askese der Geduld in Leidenserfahrungen. Der Erlöser bereitet uns darauf mit den Worten vor: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut, Ich habe die Welt besiegt” (Johannes 16,33). Die Leidenserfahrungen und Beschwernisse des alltäglichen Lebens sind, auch wenn sie keine Strafen Gottes sind, für uns doch eine Gelegenheit zur Bewährung im Glauben, im Mut und in der Geduld. Für den gläubigen Menschen erweisen sich die Leidenserfahrungen im Nachhinein als große Segnungen Gottes. Wenn sie im Glauben und in Geduld ertragen werden, dann heiligen sie unser Leben mehr als alles andere, weil wir uns in ihnen unseres eigenen ontologischen Unvermögens und der Notwendigkeit der Hilfe Gottes bewusst werden.  

 Durch die Askese des Gebets, der Mäßigung und der Geduld im Leiden und immerzu getragen von der Taufgnade wird der „alte Mensch” absterben und der „neue Mensch” sich immer mehr in den Dienst der Nächsten stellen, um Christus gleichgestalt zu werden.  

 † Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

 Münster, 12. September 2017

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