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Worte des Metropoliten

„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan...“ - Mt. 25, 40 (München, 15.05.2010)

 Vortrag gehalten während der Ökumenischen Kirchentag, München: 15. Mai 2010

 „Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“ (Matthäus 25, 31-46)

 1. Einige einführende Bemerkungen

Ich möchte zunächst einleitend festhalten, dass ich hier keine Exegese nach den bekannten hermeneutischen Regeln vornehmen werde, sondern diesen Text primär aus der Perspektive eines Seelenhirten betrachten möchte, der nicht so sehr Informationen und Wissen vermitteln will, sondern vor allem innere Überzeugungen, die zur Verwandlung des Lebens nach der Lehre des Evangeliums führen, vermitteln. Dies ist natürlich nicht leicht, denn das verlangt Demut und Gehorsam gegenüber dem Wort des Herrn, sowohl von Seiten dessen, der spricht, also auch bei denen, die hören. Gemeinsam gehören sie als Schüler zur Schule Jesu Christi. Nur Christus ist unser aller Lehrer, auf den wir bedingungslos hören müssen und dessen Worte wir in unser Herz aufnehmen müssen, ohne uns in Analysen rein intellektueller Natur zu verlieren. „Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf“, sagt der Apostel Paulus (1. Kor. 8,1). Mein Beitrag wird also mehr den Charakter einer Homilie haben auf der Grundlage dieses Textes und seines Kontextes.

Wir unterstreichen von Anfang an, dass dieser Text kein Gleichnis ist wie die beiden anderen Gleichnisse vom Gottesreich, die im selben Kapitel zu lesen sind, und zwar das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen und das Gleichnis über die Talente, sondern es handelt sich hier um eine prophetische Beschreibung des Jüngsten Gerichts, wenn alle nach ihrem Verhalten gerichtet werden und jeder seinen Lohn nach den Werken der Barmherzigkeit an Bedürftigen und Notleidenden erhält.

Matthäus 25, 31-46 krönt die Lehre des Herrn aus den Kapiteln 24 bis 25 desselben Evangeliums mit Blick auf das Weltende und die Wiederkehr des Menschensohns. Dabei gilt dann für alle Menschen, was Christus vorher nur im Blick auf seine Jünger sagte: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Matthäus 10,40) und „Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“ (Matthäus 18,5). In unserem Text identifiziert sich Christus mit allen Menschen in Not, die er Seine Brüder nennt.

2. Das Kommen in Herrlichkeit des „Menschensohns“ und das Jüngste Gericht

Wer ist der „Menschensohn“? In den Heiligen Evangelien spricht unser Erlöser Jesus Christus über sich selbst vornehmlich in der dritten Person und bezeichnet sich in seinem Verhältnis zum Vater als „Sohn“ und im Verhältnis zu den Menschen als „Menschensohn“. Wenn Jesus sich auf den Vater bezieht und sich als „Sohn Gottes“ bezeichnet, dann tut er dies in dem Bewusstsein, dass er der Natur nach Sohn des Vaters ist und nicht nur ein adoptierter Sohn, wie wir Menschen alle Kinder Gottes sind. In der Epistel an die Hebräer heißt es, dass der Menschensohn „der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild seines Wesens“ ist. Und der heilige Evangelist Johannes nennt Ihn „das Wort“, von dem er sagt: „und Gott war das Wort“ (1,1). So ist der Sohn Gottes oder das Wort Gottes von göttlicher Art und ist Gott Selbst. Jesus wurde gerade deshalb zum Tode verurteilt, weil „Er Sich Selbst zum Sohn Gottes gemacht hat“ (Johannes 19,7). Derselbe Evangelist sagt: „darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei Sein Vater, und machte Sich Selbst Gott gleich“ (5,18).

Der Ausdruck „Menschensohn“ ist semitischen Ursprungs und ist oft im Alten Testament anzutreffen, vor allem in der apokalyptischen Tradition, nach der der „Menschensohn“ am Jüngsten Tag kommen wird, um die Sünder zu richten und die Gerechten zu erlösen. Im Blick auf das alttestamentliche Verständnis als „Diener Gottes“ erhält der Titel „Menschensohn“ im Neuen Testament eine neue Bedeutung gegenüber dem Verständnis im Judentum, weil er auf paradoxe Weise Herrlichkeit und Kreuz vereint (vgl. Markus 8,31; Matthäus 17, 9. 22-23).

In den Heiligen Evangelien taucht der Ausdruck „Menschensohn“ unzählige Male auf, aber nur aus dem Munde Jesu. Die Bezeichnung als „Menschensohn“, die Christus sich selbst zuschreibt, unterstreicht Seine menschliche Natur. Er ist der Mensch par excellence: „Seht, da ist der Mensch“, bekennt prophetisch Pilatus (Johannes 19,5). Die heiligen Kirchenväter sagen über Christus, dass er „der universale Mensch“ oder „der vollkommene Adam“ ist, denn er hat, da er sündlos war, in Sich (in Seiner menschlichen Natur) die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung neu gemacht und in Sich vereint. Er ist von niemand und nichts getrennt; alle leben und alles lebt in Ihm.

So ist Jesus Christus nicht nur „der Sohn Gottes“, sondern auch der „Menschensohn“, wahrer Gott und wahrer Mensch. Dies ist eine grundlegende Wahrheit des christlichen Glaubens. Wir können uns nicht Christen nennen, wenn wir diese grundlegende Wahrheit unseres Glaubens nicht bekennen.

 3. Das erste Kommen und die Wiederkehr des Herrn: der Anbruch des „Gottesreiches“ und sein endgültiger Anbruch

Das Thema unseres Textes ist das Kommen in Herrlichkeit des „Menschensohnes“, das wir in der christlichen Tradition „die Wiederkehr des Herrn“ nennen, sowie das Jüngste Gericht. Wenn das erste Kommen des Herrn im Geheimen und unter bescheidensten Bedingungen erfolgt ist, so wird Seine Wiederkehr in Herrlichkeit und umgeben von allen heiligen Engeln geschehen (vgl. Matthäus 16,27; 19,28; 25,31). Diese Wiederkehr in Herrlichkeit bedeutet gleichzeitig das Ende dieser Welt.

Mit Jesu erstem Kommen ist das „Reich Gottes“ angebrochen durch Seine Predigten und Wunder, die in Seinem Tod und Seiner Auferstehung zum Höhepunkt kamen, wie auch darin, dass der Vater Seinen Geist an Pfingsten gesandt hat zur Gründung der Kirche. Das „Reich Gottes“ oder das „Himmelreich“ ist das zentrale Thema der Verkündigung des Herrn und der Apostel. Das Evangelium selbst ist die Gute Nachricht von diesem Reich (vgl. Matthäus 9, 35; 4,23 …). Und die Essenz dieses „Evangeliums von dem Reich“ (Matthäus 9,35) ist, dass Gott aus „unbändiger“ Liebe zu dieser Welt, die Er aus dem Nichts geschaffen hat, es nicht verschmähte, Selbst Mensch zu werden, um die Sünden aller auf Sich zu nehmen und sie durch Sein eigenes Leiden und Seinen Tod am Kreuz sowie die anschließende Auferstehung am dritten Tag zu überwinden. Christus eröffnet so jedem Menschen den Weg zum Reich Gottes oder zur Vereinigung mit Gott.

Auf Erden ist das Reich Gottes nichts anderes als die Kirche, in der wir einen Vorgeschmack auf die ewigen Güter erhalten, die dem Reich Gottes eigen sind, das kommen wird. In der Kirche und durch die Kirche kennen wir Jesus Christus, den Sohn Gottes und Menschensohn, der uns den Vater offenbart hat und uns unablässig den Heiligen Geist sendet. Und ebenfalls in der Kirche vereinen wir uns mit Gott in der Heiligen Dreifaltigkeit durch die Heiligen Sakramente, besonders in der Eucharistie. Der Sinn der Kirche besteht gerade darin, den Christen zu erlauben, sich zu versammeln, um miteinander das Anbrechen des Reiches Gottes auf Erden zu feiern und an dessen Gaben teilzuhaben. Und die persönliche Erfahrung des Gottesreiches stellt die tiefste Motivation dar, dies weiterzusagen und zu verkünden. „Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“ (1. Joh. 1,3) Am Schluss der Göttlichen Liturgie nach der Kommunion an der Heiligen Eucharistie singen die Gläubigen: „Wir haben das wahre Licht gesehen, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben den wahren Glauben gefunden; die unteilbare Dreieinigkeit beten wir an, denn Sie hat uns gerettet.“

Die Kirche ist in ihrer Eigenschaft als betende Gemeinschaft eschatologisch orientiert, also auf die Letzten Dinge oder das Ewige und Zukünftige hin. In der Kirche wird unaufhörlich das Reich Gottes verkündigt und proklamiert, das auf eine verhüllte Weise in der Fleischwerdung des Herrn angebrochen ist und am Ende der Zeiten mit aller Gewalt und in Herrlichkeit vollkommen und endgültig aufgerichtet werden wird, wenn es „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ geben wird (vgl. Apokalypse 21,1). Nach dem Empfang der Heiligen Kommunion sagen die Gläubigen außerdem: „O großes und hochheiligstes Osterlamm, Christus! O Weisheit und Wort Gottes und Kraft. Verleihe uns, wirklicher an Dir teilzuhaben, an dem abendlosen Tag Deines Reiches“. Wir beten also darum, dass wir vollkommen und definitiv an dem Reich teilhaben, das kommen wird.

Wir wissen mit dem Apostel Paulus, dass „das Wesen dieser Welt vergeht“ (1. Kor. 7, 31) und dass „wir hier (auf Erden) keine bleibende Stadt haben, sondern wir suchen die zukünftige“ (Hebräer 13,14). Die christliche Hoffnung richtet sich auf das, was nach diesem Äon kommt, wenn Gott „abwischen wird alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Apokalypse 21,4). Der Christ wartet auf das vollständige und definitive Aufrichten des Gottesreiches durch die Wiederkehr Jesu in Herrlichkeit. Daher bekennen wir auch am Ende des Nizäno-Konstantinopolitanums: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.“

Wenn wir vergessen, dass der Sinn des gegenwärtigen Lebens nicht in diesem Leben selbst besteht, sondern außerhalb davon, und zwar im Reich Gottes, das kommen wird – was wir als grundlegende Wahrheit des christlichen Glaubens bekennen –, dann werden wir uns immer mehr an dieses irdische gegenwärtige Leben und die Dinge dieser Welt binden und mit diesen vergehen ohne Hoffnung auf Erlösung.

 4. Das Jüngste Gericht oder das Weltgericht

Die alte Tradition der Kirche unterscheidet zwischen dem Gericht über den Einzelnen oder das Individuum (oder Partikulargericht) unmittelbar nach dem Tod eines jeden Menschen und dem Jüngsten Gericht (oder Weltgericht) über alle Menschen und Völker „am Jüngsten Tage“ (Johannes 12,48), also am Ende der Zeiten bei der Parusie des Herrn. Aus vielen biblischen Texten lässt sich auch schließen, dass es ein immanentes Gericht schon zu Lebzeiten gibt in dem Sinne, dass jeder Mensch nach seinen Taten Gutes und Böses empfängt. Dieses immanente, in der Geschichte sich ereignende Gericht hängt ab von der Vorsehung Gottes, die sich um jedes menschliche Leben im Blick auf seine Erlösung sorgt . So belohnt Gott bereits im irdischen Leben gute Werke, so wie er auch um unserer Sünden willen alles Mögliche an Prüfungen und Leid über uns kommen lässt, die zum Auslöser von Buße und einem Lebenswandel nach seinem Willen werden können. Natürlich schließt dieses Gericht, das nur für die Gläubigen erkennbar ist, das Partikulargericht am Ende des Lebens nicht aus, so wie auch dieses Partikulargericht das Endgericht oder Weltgericht nicht ausschließt, da der Mensch aufgrund seiner Willensfreiheit, derer er sich erfreut, sein Leben jederzeit zum Guten oder Bösen kehren kann. Und auch nach seinem Tod kann das Gebet und Fürbitte seiner Nächsten und der Kirche sein Schicksal noch beeinflussen, selbst wenn der Mensch dann nichts mehr an seinem Leben ändern und für sich tun kann.

Der heilige Apostel Paulus sprach von jenen, die sich für die Toten taufen ließen (1. Korinther 15, 29), die also Christen wurden, um das Schicksal derer durch ihr Beten und Fasten zu erleichtern, die nicht getauft waren. Auch dies deshalb, weil die Erlösung selbst von der Gemeinschaft unter den Menschen abhängt. Eine patristische Weisheit besagt, dass niemand sich allein erlöst, sondern nur in Gemeinschaft mit anderen und in dem Maße, in dem er zur Erlösung der anderen beiträgt. Die Essenz des christlichen Lebens ist gerade die Gemeinschaft: die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit den Nächsten. Nur in Gemeinschaft mit Gott und in Gemeinschaft mit den Nächsten können wir geistlich wachsen, können vollkommen werden (Matthäus 5,48), also erlöst werden. Und der Ort der Gemeinschaft par excellence ist die Kirche, die wir in die Familie und in die Gesellschaft hinein ausdehnen müssen, damit die ganze Welt zur Kirche wird.

Die Kriterien für das göttliche Gericht, das unser ganzes Leben lang durch die Vorsehung, nach dem Tod durch das Partikulargericht und am Ende der Zeiten im Welt- und Endgericht vollzogen wird, richten sich gerade nach dem Fortschritt an Gemeinschaft mit unseren Nächsten. Es besteht eine natürliche Verbindung zwischen den Menschen als Geschöpfe an sich. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen. Er kann sich nicht anders als in Gemeinschaft mit seinen Nächsten verwirklichen, die alle Menschen sind, und in Gemeinschaft mit der Schöpfung. Doch die natürliche Gemeinschaft zwischen den Menschen wurde durch die Sünde entwertet und wird fortlaufend entwertet. Sie wird wiederhergestellt in Jesus Christus und in denen, die mit Ihm in der Taufe vereint sind, die ihr Leben nach Seiner Lehre verändern und darauf abzielen, Ihm bis zur völligen Identifikation gleich zu werden: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20)

Vor Seiner Passion hat der Erlöser darum gebetet, „dass sie alle eins seien… ,damit die Welt glaube“ (Johannes 17,21). Diese von Gott geforderte Einheit ist nicht nur eine Einheit im Glauben oder im Verstehen, eine moralische Einheit also, sondern eine ontologische, wesenhafte Einheit, die alle Menschen in Christus zusammenbringt. Der Erlöser betet darum, dass alle eins seien, so wie Er und der Vater eins sind“ (vgl. Johannes 17,22). Hier ist die Rede von einer ontologischen Verwandlung, nach der jeder in seiner Person wie Christus auch die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung wiederherstellt. „Denn wir sind durch e i n e n Geist alle zu e i n e m Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie…“ (1. Korinther 12,13). Und dieser eine Leib nährt und vollendet sich durch das Brot, das wir essen, und das der Leib Christi ist. „So sind wir viele e i n Leib, weil wir allem an e i n e m Brot teilhaben.“ (1. Korinther 10,17) Natürlich ist dies ein Mysterium (ein Geheimnis), das wir nicht so sehr rational verstehen können, sondern vor allem im Glauben und im Fühlen des Herzens wahrnehmen können.

In der Kirche fühlen wir uns unter dem Einwirken des Heiligen Geistes eins im Glauben und in der Liebe mit allen Menschen, wir tragen alle in unserem Herzen als Teil von uns selbst, wir erleben alle Menschen als Teile und Glieder von uns selbst. Wir fühlen uns auch vereint mit der ganzen Schöpfung, die in uns wohnt, weil „der Mensch ein Mikrokosmos ist“ und in sich die ganze Schöpfung erneuert, wie die heiligen Kirchenväter sagen. In diesem Sinne sagt der heilige Isaak der Syrer (7. Jh.), dass „das Zeichen der Heiligkeit ein mitleidsvolles Herz ist“. Er fragt sich: Was ist ein mitleidsvolles Herz? Und er selbst antwortet: Ein mitleidsvolles Herz „ist ein Herz, das für die ganze Schöpfung brennt, für die Menschen, für die Vögel, für die Trottel, für die Teufel und für jedes Geschöpf. Und wenn er sich ihrer erinnert oder diese sieht, dann fließen die Tränen aus den Augen des Barmherzigen. Aus vielem und übergroßem Mitleid, das sein Herz beherrscht, und aus übergroßem Leid trauert sein Herz und kann es nicht mehr ertragen oder hören oder sehen, dass ein Geschöpf Schaden erleidet oder gequält wird. Auch aus diesem Grund richtet er sein Gebet unter Tränen zum Himmel auch für die Trottel und Feinde der Wahrheit und ihn ständig ärgern, auch für die kriechenden Tiere betet er aus seinem großen und unmessbaren Mitleid heraus, das aus seinem Herzen kommt nach dem Bilde Gottes. Er betet darum, dass jedes Wesen bewahrt werde und Vergebung erfahre“ (Spruch 81). Und dies deshalb, weil ein mitleidsvolles Herz die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung wie Christus in sich trägt.

Im Blick auf die ontologische Einheit aller Menschen, die in Christus wiederhergestellt wurde, tun wir jede gute Tat, die wir einem unserer Nächsten tun, Christus Selbst, der uns in jedem Menschen gegenübertritt. Doch bleibt diese Tatsache den meisten verborgen. Sogar die Gerechten werden beim Weltgericht fragen: „Herr, wann haben wir Dich hungrig gesehen und haben Dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben Dir zu trinken gegeben? Oder wann haben wir Dich als Fremden gesehen und Dich aufgenommen, oder nackt und haben Dich gekleidet? Oder wann haben wir Dich krank gesehen oder im Gefängnis und haben Dich besucht?“ Gerechte, die das Himmelreich erlangen, können also ohne Zweifel nicht nur Christen sein, die Christus erkannt haben, sondern andere, die ihren Nächsten in ihren Bedürfnissen gedient haben, auch wenn sie Christus nicht erkannt haben. In diesem Sinne hat der Apostel Paulus von Heiden gesprochen, „die das Gesetz nicht haben, aber von sich aus das Richtige tun“ und dass sie nach dem Zeugnis des Gewissens gerichtet werden, das Gott in ihre Herzen geschrieben hat (vgl. Röm 2,13).

Natürlich sind die Werke, die von dem Herrn in unserem Text erwähnt werden, ein Ausdruck der Liebe, die der Christ wesenhaft leistet, ohne sich davon irgendein Verdienst zu erhoffen. Den Nächsten unter allen Umständen Gutes zu tun, auch denen, die auf unsere Liebe nicht mit Liebe antworten, bleibt ein Gebot nur für jene, die noch nicht zur inneren Freiheit gelangt sind. Diejenigen, die sich der Freiheit der Kinder Gottes erfreuen, tun alles grundsätzlich und aus ihrem Wesen heraus aus Liebe ohne irgendeinen Zwang oder etwas im Gegenzug zu erwarten. Die Liebe ist immer geschenkt, wobei sie dann leidet, wenn sie nicht angenommen wird oder darauf nicht mit Liebe geantwortet wird. Gott Selbst leidet, wenn wir auf Seine Liebe nicht mit unserer Liebe antworten.

Die Sünde bedeutet Egoismus, ein Eingeschlossen-Sein in sich selbst, die Suche nach dem Vergnügen und das Verfolgen des eigenen Interesses zu Lasten der Nächsten, die wir gar nicht mehr beachten und nicht mehr als unsere Brüder sehen als Teil von uns selbst und eigene Glieder, sondern nur noch als Objekte und Gegenstände. Dieser egoistische, individualistische Geist, der auf Konkurrenz zwischen den Menschen und auf der Befriedigung eigener leidenschaftlicher Begierden basiert, ist leider in der Gesellschaft von heute der prägende Geist und Charakterzug der Menschen. Dieser Geist ist auf der Welt gegenwärtig seit dem Sündenfall, hat sich aber vielleicht noch nie so wirkmächtig erwiesen wie in der Gegenwart. Genau deshalb ist unser Zeugnis in Wort und Tat als Christen heute nötiger denn je. Es gibt einen ständigen Gegensatz zwischen dem Geist dieser Zeit und dem Geiste Christi. Als Christen können wir uns dem Geist dieser Zeit niemals anpassen, ohne zu riskieren, uns der Welt gleichzustellen und Christus zu verraten.

Das christliche Leben ist ein Leben in Askese par excellence, also des geistlichen Kampfes gegen die bösen Geister, die versuchen, uns zu Sklaven unserer Leidenschaften zu machen, der Begierden und der Lust, die uns exzessiv an diese Welt, den Leib und die materiellen Dinge binden. Wir können nur um den Preis einer klaren Entscheidung zwischen Gott und dem Mammon ein „mitleidsvolles Herz“ erlangen, was einen Selbstverzicht beinhaltet, den Verzicht darauf, auf weltliche Weise zu denken und zu leben, sowie ein Bemühen darum, auf dem „schmalen Weg“ zu wandeln, der zum Reich Gottes führt. Die Orthodoxe Kirche hat den asketischen Geist der frühen Christen bewahrt, der nicht nur die moralische Verwandlung des Menschen anstrebt, sondern auch die ontologische Verwandlung durch das Gebet und das Fasten, durch ein in jeder Hinsicht maßvolles Leben, durch dem Dienst am Nächsten, durch ein fortlaufendes Bemühen um Demut und Einfachheit… Die großen Praktiker des asketischen Lebens aus der ganzen Tradition der Kirche lehren uns, dass authentische Gemeinschaft mit Gott und unseren Nächsten vor allem auf der Ebene des Herzens gelebt wird, so dass wir uns fortwährend Sorge um unser inneres Seelenleben tragen müssen.

Gott wohnt im Herzen der Menschen. Im Herzen konzentrieren sich wie in einem Fokus alle psycho-physischen Kräfte des Menschen. Der Verstand ist nichts anderes als eine Energie des Herzens. Er muss immer in Verbindung mit dem Herzen bleiben, was nur durch das Gebet möglich ist. Daher bestehen alle geistlichen Väter, wenn sie vom Gebet sprechen, auf der Vereinigung des Verstandes mit dem Herzen oder dem „Herabsteigen des Verstandes in das Herz“. Denn nur wenn der Verstand mit dem Herzen vereint ist, freut sich der Mensch des „Seelenfriedens“ und erlebt wahrhaftig seine ontologische Einheit mit Gott und seinen Nächsten. Im Zustand der Trennung von Verstand und Herz wird der Mensch sich selbst fremd, ja fühlt sich der Mensch entfremdet von sich selbst und seinen Nächsten, er ist dann gestresst, deprimiert und entmutigt... Gewiss ist es nicht leicht, mit dem Verstand im Herzen zu beten und zum Seelenfrieden zu gelangen oder zum „Verspüren des Herzens, was ein Verspüren Gottes bedeutet“, wie Diadochos von Photike schreibt (6. Jh.). Unser Gebet ist oft dürftig und oberflächlich, kalt und ohne innere Beteiligung des Herzens.

Um zum Herzensgebet zu kommen, braucht es lange geistliche Übung im Gebet zusammen mit unseren Nächsten in der Kirche, zu Hause und überall, wo wir uns befinden. Das Maß für das Gebet ist das „unablässige Gebet“. „Betet ohne Unterlass“ – so ermahnt uns der Apostel Paulus (1. Thessalonicher 5,17). Die Kirchenväter sagen, dass wir von einer umfangreichen Gebetspraxis aus zum reinen Herzensgebet kommen können. Das Gebet wird konstant von der regelmäßigen Teilnahme an den Gottesdiensten der Kirche und der Heiligen Kommunion an Leib und Blut Christi unterstützt und getragen, vom Fasten und anderen Formen der Spiritualität und des asketischen Lebens, wozu auch die Nachtwachen, die Metanien und das Gebet im Stehen zählen… Natürlich ist die Verwandlung eines Herzens aus Stein in ein Herz aus Fleisch und Blut (vgl Hesekiel 36,26) oder in ein „mitleidsvolles Herz“ ausschließlich das Wirken Gottes und ist Sein Geschenk. Und doch muss diese Gabe mit Offenheit unsererseits aufgenommen werden, die genau im Gebet, in Selbstzügelung, im Tun des Guten gegenüber unseren Nächsten und im „Kampf mit der Sünde bis auf’s Blut“ bestehen (Hebräer 12,4). Nach denselben asketischen Vätern hilft uns freilich der Dienst an den Nächsten, vor allem an den Kranken, mehr noch als das Gebet zum Erlangen eines mitleidsvollen Herzens. Dieses mitleidsvollen Herzens bedürfen wir, um „eine gute Antwort zu geben auf das erschreckende Gericht Christi“, wie wir Orthodoxen in jedem Gottesdienst der Kirche beten.

Unser Text endet mit den Worten: „So gehen jene zur ewigen Strafe ein, die Gerechten aber zum ewigen Leben“. Hier wird wie in vielen anderen biblischen Texten der Heiligen Schrift die Ewigkeit des Himmels wie die Ewigkeit der Hölle unterstrichen. Das Problem der ewigen Hölle und Strafe hat viele in der Geschichte bis heute zum Widerspruch gereizt als unvereinbar mit der unendlichen Liebe Gottes. Trotzdem hält die Kirche an der geoffenbarten Wahrheit fest und kann niemals eine „Allversöhnung“ (Apokatastasis) zugestehen, also die Lehre von der Erlösung aller und der Auflösung der Hölle am Ende der Zeiten. Aber trotzdem betet die Kirche in der Hoffnung dass alle errettet werden. Theologisch gesprochen hängt die Ewigkeit der Hölle ab von der Freiheit des Menschen, der Gott auf ewig ablehnen kann. Sonst würde Gott auch die erlösen, die die Erlösung zurückweisen und abweisen, was die Freiheit des Menschen einschränken würde.

 Metropolit Serafim

 

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