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Worte des Metropoliten

Der Tod aus orthodoxer Sicht (Kremsmünster, 13.07.2012)

Kremsmünster, Österreich, 13.07.2012

Im Allgemeinen sprechen wir vom Tod als einem natürlichen Phänomen und verstehen ihn als Verlöschen des Lebens und Auflösung des Leibes durch seine Rückkehr in die Erde. Einige verstehen den Tod als Rückkehr in das Nichtsein. In Rumänien, wo sich nur 0,1 Prozent der Bevölkerung bei der Volkszählung als Atheisten erklären, lesen wir oft in der Presse Todesanzeigen, die mit den Worten beginnen: „Herr oder Frau... ist in das Nichtsein übergegangen.“ Dies deutet aber einen Mangel an religiöser Kultur an; denn uns für gläubig zu erklären und gleichzeitig zu sagen, der Tod sei ein Übergang in die Nicht-Existenz, ist ein Widerspruch in sich.

Für Gläubige gilt unabhängig von dem Glauben, den sie bekennen, der Tod nie als „Verlöschen des Lebens“, als „Ende der Existenz“ oder als „Übergang in das Nichtsein“. Denn durch die Loslösung der Seele vom Leib wird das Leben des Menschen nicht ausgelöscht und seine Existenz endet nicht, sondern geht auf einer anderen Ebene weiter, die nicht unserer Erfahrung als aus dem materiellen Leib und der Seele zusammengesetzten Wesen unterworfen ist. Die Heilige Schrift sagt uns, dass durch den Tod der Leib zur Erde zurückkehrt, aus der er erschaffen ist, und die Seele zu Gott, von dem sie kommt. Und sie sagt, dass der Tod die Konsequenz der Sünde oder „der Sünde Lohn“ ist (Römer 6, 23).

So gehört der Tod nicht zur Natur des für das ewige Leben erschaffenen Menschen. Der Tod ist ein Unfall, der durch die Ursünde der ersten Menschen in das Leben der Menschheit eingedrungen ist. So wurde der Mensch sterblich und mit ihm die gesamte Schöpfung, die er in sich einschließt (vgl. Römer 8, 22). Dass der Tod nicht natürlich ist, sondern etwas Widernatürliches, beweist auch die Tatsache, dass der Mensch den Wunsch nach immer mehr Leben in sich trägt, nach der Vollendung des Lebens und nicht nach Annullierung. Daher will niemand sterben, sondern wir alle wollen ewig leben. Und das ewige Leben gibt es nur bei Gott und in Verbindung mit Ihm. Der Erlöser sagt über Sich, dass Er das Leben ist und dass Er in die Welt gekommen ist, damit die Welt das Leben habe und es im Überfluss habe (vgl. Johannes 14, 6; 10, 10).

Nur in Christus lebt der Mensch ein wahres Leben, das übereinstimmt mit seiner Natur als Geschöpf, das nach dem Ebenbild des unsterblichen Gottes geschaffen ist. Nur in Christus, dem wahren Gott und wahren Menschen, sind wir wahrhaftig unsterblich. Der freiwillig erlittene Tod des Erlösers und Seine Auferstehung von den Toten haben das Prinzip des Todes als Trennung von Gott aufgelöst und den Tod in das Pascha verwandelt, also in eine Passage oder einen Übergang zur Fülle des Lebens. Wer an Jesus Christus glaubt und mit Ihm vereint bleibt, der wird nicht sterben, sondern geht vom Tod zum Leben über. „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt Dem, Der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ (Johannes 5, 24) Deshalb sprechen wir auch in der kirchlichen Sprache nicht vom Tod, sondern vom „Entschlafen im Herrn“. Denn für die Christen gibt es keinen Tod, sondern nur das „Entschlafen im Herrn“.

Der Glaube an Jesus Christus hebt freilich den physischen Tod nicht auf, sondern verwandelt diesen in eine Passage zum ewigen Leben. Der heilige Johannes Chrysostomos sagt: „Der Tod ist nichts als ein Ruhen, eine Reise, ein Übergang von einem unvollkommenen Zustand in einen vollkommenen Zustand.“ Doch auch der physische Tod ist nur zeitlich bis zur zweiten Wiederkehr des Herrn, wenn unser Leib auferweckt und sich mit unserer Seele wieder vereinen wird zu einer besonderen Form der Existenz, der wir hier auf Erden nur im Glauben begegnen können.

Aus Sicht der christlichen Lehre lebt der Mensch auf Erden im Zustand eines „geistlichen Todes“, solange er durch Unglauben von Gott getrennt ist. Wenn dieser geistliche Tod freilich bis zum Ende des irdischen Lebens andauert, dann kann dieser Tod zum ewigen Tod werden, also zur endgültigen Trennung von Gott. Die Kirche betet unablässig in jeder eucharistischen Liturgie für die Erlösung aller sowohl vom geistlichen Tod, als auch vom ewigen Tod. In allen Gottesdiensten unseres orthodoxen Ritus erbitten wir von Gott „ein christliches Ende unseres Lebens, ohne Qual und Schande und in Frieden und eine gute Rechtfertigung vor dem ehrfurchtgebietenden Richterstuhl Christi“. Ein „christliches Ende“ freilich kann nur der haben, der sich sein ganzes Leben darum bemüht hat, Christus nachzufolgen, oder durch Reue und Buße zu Christus umgekehrt ist. Wir beten auch um ein „gute Rechrfertigung vor dem ehrfurchtgebietenden Richterstuhl Christi“, weil nach dem Tod das Gericht folgt.

Der heilige Apostel Paulus sagt: „Den Menschen ist bestimmt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Hebräer 9, 27) Die Heilige Schrift spricht von zwei Gerichten und zwar dem „individuellen Gericht“, das nach der Trennung der Seele vom Leib stattfindet, und dem „Jüngsten Gericht“ oder „Endgericht“, das nach der Wiederkehr Christi am Ende der Welt stattfindet. Gott wird uns richten nach unserer seelischen Verfassung bei unserem Tod oder dem Moment der Trennung der Seele vom Leib, denn dieser Zustand umfasst unser ganzes Leben auf Erden. Das Kriterium für das individuelle Gericht wie auch für das Endgericht ist die Liebe, wie sie sich in  konkreten Taten an den Nächsten konkretisiert hat. Beim Jüngsten Gericht wird uns Gott auch nach den Folgen unserer im Leben begangenen Taten richten, die auf gute oder schlechte Weise die ganze Geschichte bis zum Ende beeinflussen.

Nach der Heiligen Schrift will Gott, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Timotheus 2, 4). Deshalb betet die Kirche für die Erlösung aller Entschlafenen, also für ihr ewiges Seelenheil und ihre ewige Gemeinschaft mit Gott und den Heiligen. Doch es gibt nicht nur einen ewigen Himmel, sondern auch eine ewige Hölle für die, die ungläubig oder mit von Hass und fehlender Reue verhärtetem Herzen sterben. Denn aufgrund der dem Menschen von Gott geschenkten Freiheit kann sich der Mensch auf ewig gegen Gott entscheiden.

Die Fürbitte für die Verstorbenen im persönlichen Gebet und vor allem im Gebet der Kirche ist ein Akt der Liebe ihnen gegenüber. Wir glauben, dass die Toten lebendig sind, lebendiger sogar als wir, die wir auf Erden leben. Wir glauben auch, dass die Kirche eine Einheit ist: die Kirche aus Lebenden und Entschlafenen, unter denen auch die Heiligen sind, mit der Gottesmutter an der Spitze. Vor allem Werke der Barmherzigkeit als Ausdruck der Liebe im Namen von Entschlafenen haben eine besondere Bedeutung vor Gott, denn diese Werke ergänzen das, was jene aus verschiedensten Gründen in ihrem Leben nicht verwirklichen konnten. Und wir beten zu den Heiligen, die für uns Lebensmodelle sind und die für uns in Versuchungen und Leidenserfahrungen zu Gott beten.

Die Orthodoxe Kirche schätzt den Leib des Menschen genauso wie seine Seele. „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt?“ (1. Korinther 6,19) Daher werden die Leiber der Entschlafenen nicht verbrannt, sondern im Sarg in die Erde gelegt mit dem Gesicht in Richtung Osten in Erwartung der Wiederkehr Christi. Vor allem weil einige Leiber von Heiligen unverweslich bleiben! Denn was sind die heiligen Reliquien anderes als Leiber oder Teile eines Leibes, in denen der wirkende Heilige Geist gegenwärtig bleibt. Sie sind ein unbestreitbarer Beweis für die Fortdauer des Lebens nach der Trennung der Seele vom Leib, die im Falle der Heiligen Reliquien keine totale Trennung darstellt. So können wir aus Respekt vor dem Geheimnis des menschlichen Leibes, der nicht nur eine reine Materie ist, sondern eine vom Heiligen Geist geprägte Materie, den Leib nach dem Tod auch nicht verbrennen.

In der orthodoxen Tradition wird der Tod nicht als schrecklich empfunden. Den wahrhaft Gläubigen ist der Tod vertraut. Der heilige Basilius der Große sagt, dass der Gedanke an den Tod die wahre Philosophie ist. Auch die heiligen Kirchenväter empfehlen uns immer wieder an den Tod zu denken, weil uns der Gedanke an den Tod davon abhält zu sündigen.

In der Orthodoxen Kirche ist die Tradition der Fürbitte für die Verstorbenen und des Totengedächtnisses gerade wegen des starken Glaubens an die Unsterblichkeit so stark entwickelt, weil die Liebe uns untereinander und mit Christus verbindet und die stärker ist als der Tod. Der heilige Paulus sagt, „dass weder Tod noch Leben … noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Römer 8,38-39).

 Der Totenkult beginnt mit dem Heimgang des Gläubigen zum Herrn, wenn der Leib gewaschen wird, in ein festliches Kleid gekleidet und in den Sarg gelegt wird, alles in der Atmosphäre des Gebets. Drei Tage lang wird der Heimgegangene zu Hause aufbewahrt, damit Verwandte und Bekannte diesen ein letztes Mal besuchen und für länger Abschied nehmen können. Während dieser Zeit der Totenwache werden Psalmen und andere Texte aus der Heiligen Schrift gelesen. Der Priester ist im Hause des Verstorbenen schon zur Einsargung anwesend. Am dritten Tag wird der Sarg in einer Prozession zur Kirche gebracht, wo der Gottesdienst zur Trauerfeier stattfindet. Anschließend wird er zum Grab gebracht. Neun Tage und vierzig Tage nach der Beerdigung werden spezielle Gebete zum Gedächtnis des Verstorbenen verrichtet. Jeder Samstag ist der Erinnerung und dem Gedächtnis der Verstorbenen gewidmet, denn Christus hat den Samstag mit Seinem Leib im Grab verbracht. Dieses Gedächtnis der Verstorbenen ist mit mildtätigem Handeln verbunden.

Als Schlussfolgerung können wir festhalten: wenn auch der Tod des Menschen als eine natürliche Wirklichkeit erscheint, so ist er aus der Sicht des Glaubens das unnatürlichste Phänomen. Der Tod als Trennung von Gott, der Quelle des Lebens, wurde von Christus durch Seinen Tod und Seine Auferstehung überwunden. In Christus wurde der Tod zu Pascha, also zu einem Übergang zur Fülle des Lebens. Deshalb kann der Tod auch den Christen nicht erschrecken, denn er lebt in dem Bewusstsein, dass sich durch die Trennung der Seele vom Leib das Leben in seiner vollen Gemeinschaft mit Gott verwirklicht, mit der Gottesmutter, mit den Heiligen und allen, die ein gottgefälliges Leben geführt haben. 

 

† Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

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