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Worte des Metropoliten

Der Beitrag der orthodoxen Kirche für eine soziale Gemeinschaft (Artikel 2013)

Art. veröffentlicht in: Hermann Schoenauer (herausg.), Sozialethische Dimensionen in Europa. Von einer Wirtschaftsunion zu einer Wertegemeinschaft, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 2013, Ss. 90-98

Sozialarbeit als soziale Mission der Kirche


Zunächst möchte ich meinen Dank und meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass die Diakonie Neuendettelsau seit vielen Jahren ein wichtiges Forum bietet für den internationalen ökumenischen Dialog zwischen der Evangelisch-Lutherischen Kirche und Theologie und der Theologie und Spiritualität der Orthodoxen Kirche, insbesondere unserer Rumänischen Orthodoxen Kirche. Die Diakonie Neuendettelsau ist in ihrem ökumenischen Engagement führend und setzt Wegmarken im Blick auf den Dialog zwischen Orthodoxen und Lutheranern. Bei allen bestehenden Unterschieden vor allem im Amts- und Sakramentsverständnis zwischen unseren Kirchen darf doch festgehalten werden, dass es viele Bereiche gibt, bei denen zwischen orthodoxer und evangelisch-lutherischer Glaubenslehre und auch Glaubenspraxis große Übereinstimmung herrscht. Wichtig ist dabei, dass die Diakonie (Diakonia) eine zentrale Dimension des kirchlichen Handelns darstellt neben dem Gottesdienst (Leiturgia) und dem Glaubenszeugnis (Martyria). In dem sozial-diakonischen Handeln der Kirche drückt sich besonders die liebende Zuwendung der Kirche und des Volkes Gottes zur Welt und zu den Menschen aus in Konsequenz der liebenden Zuwendung Gottes zur Welt, die sich in der Menschwerdung des Gottessohnes, Seinem irdischen Wirken und Seinem Leiden sowie der Auferstehung in Herrlichkeit für alle Welt sichtbar verwirklicht und manifestiert hat.

Die Diakonie Neuendettelsau gibt hier viele wichtige Impulse. Die praktische Arbeit der Diakonie in Rumänien in vielen Bereichen und mit konkreten Projekten wird ergänzt durch die theologische Besinnung und den Dialog sowohl zu theologischen Themen wie auch zu diakoniewissenschaftlichen Fragen im Sinne einer geistlichen Reflexion der Grundlagen diakonischen Handelns. Ganz besonders hilfreich sind hier die „Internationalen Theologischen Konsultationen“ seit 2008 und deren Dokumentation in Buchform, die international renommierte Theologen und auch immer Vertreter der Kirchenleitungen zum Dialog versammeln. Wenn wir uns in Tagungen und Buchveröffentlichungen zu solchen Fragen äußern, dann geht es dabei nicht nur um theologische Erkenntnis, sondern auch um ganz praktische Fragen. Während die theologische Überlegung zur kirchlichen Sozialarbeit grundsätzlich im Bereich der Diakoniewissenschaft bzw. der Praktischen Theologie eingeordnet wird, gehört die Frage der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Zusammenlebens zu den Fragen der Soziallehre. Die Kirchen sind im Bereich der Sozialarbeit alle aktiv: die Orthodoxe Kirche in der „Philanthropie“, die Katholische Kirche in der „Caritas“ und die Evangelisch-Lutherische Kirche in den verschiedenen „Diakonie“-Werken. Für uns Orthodoxe ist die institutionelle Diakonie nach 1989 wieder möglich geworden. Sie ist unser Beitrag zum sozialen Zusammenleben in Gesellschaften wie in Rumänien, in denen der Transformationsprozess nach der Wende von 1989 zu großen sozialen Verwerfungen geführt hat und viele zu Benachteiligten und Verlierern der Revolution gemacht hat.

Unsere Rumänische Orthodoxe Kirche hat im Rahmen ihrer Theologischen Fakultäten Studiengänge zur „Sozialassistenz“ geschaffen. An fast allen Fakultäten gibt es diese Studiengänge, die einen Abschluss ermöglichen, mit dem junge Absolventen befähigt werden, in sozialpädagogischen oder sozialen und diakonischen Berufen tätig zu werden. Nach 1990 wurden in allen Bistümern Sozialdepartments geschaffen, die kirchliche Sozialprojekte unterschiedlichster Art initiieren und durchführen. Auch auf der Ebene des Rumänischen Patriarchts gibt es eine große Sozialabteilung und landesweite Projekte. Es erstaunt umso mehr, dass nach wie vor das Klischee verbreitet wird, die Orthodoxe Kirche betreibe keine Sozialarbeit. Natürlich lässt sich unser Engagement in dieser Hinsicht noch ausbauen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es in Rumänien zum Beispiel kein Umlagensystem gibt, nach dem kirchliche Sozialarbeit durch staatliche Zuschüsse zum Beispiel aus den entsprechenden Kranken- oder Pflegeversicherungen wie etwa für Senioren-, Pflege- und Behindertenheime gegenfinanziert wird. Die Kirchen betreiben soziale Einrichtungen buchstäblich auf eigene Kosten. Der Staat hat noch nicht in ausreichender Weise erkannt, dass die Kirchen dem Staat mit ihren Sozialeinrichtungen Pflichtaufgaben abnehmen. Das hat auch damit zu tun, dass der rumänische Staat sich zwar als Sozialstaat versteht, soziale Aufgaben und Verantwortungen aber nach wie vor gerne ignoriert oder delegiert, ohne die notwendige Finanzausstattung bereitzustellen. Die Kirchen sollen und dürfen soziale Aufgaben übernehmen, es gibt sogar eine formelle Partnerschaft des Staates mit den Kirchen, aber die Finanzierung bleibt von sehr überschaubaren Zuschüssen abgesehen den Kirchen überlassen. Auch manche wichtigen und großen Sozialeinrichtungen der Evangelischen Kirche und der Katholischen Kirche in Rumänien wären ohne finanzielle Unterstützung aus dem Ausland nicht möglich gewesen. Hier besteht seitens des Staates in Rumänien noch Handlungsbedarf.

Das vorliegende Buch will die sozial-diakonische Arbeit unserer Kirchen in Theologie und Praxis reflektieren und darüber in einen lebendigen Dialog eintreten. Es ist wichtig, dass die Diakonie als eine Grunddimension der Kirche und der gelebten christlichen Spiritualität auch im theologischen Dialog zwischen unseren Kirchen wahrgenommen wird. Für uns als orthodoxe Christen ist dies wesentlich, auch wenn die orthodoxe Sozialarbeit teilweise in etwas anderen Strukturen abläuft und deswegen vielleicht weniger deutlich oder öffentlich wahrgenommen wird als die Sozialarbeit der westlichen Kirchen. Es ist aus unserer Sicht sehr wichtig, dass wir nicht nur über dogmatische Fragen der Lehre diskutieren und einen theologischen Dialog führen, der oft sehr akademisch und sehr abstrakt ist und viel von theologischen Sätzen und Begriffen handelt, wo es uns doch viel mehr um den Glauben an den auferstandenen Herrn und die in Christus menschgewordene Liebe Gottes gehen sollte.

    Diakonie als gelebte Liebe

Wenn wir über die Diakonie sprechen, dann sprechen wir über einen Wesensvollzug der Kirche, der im Kern von der Liebe Gottes zu den Menschen handelt und diese Liebe im Alltag ernst nimmt, lebt, umsetzt, praktiziert und verwirklicht. Die Kirche gibt in ihrer diakonischen und sozialen Arbeit diese Liebe Gottes an die Menschen weiter. Dadurch scheint die Liebe Gottes auf der Welt immer wieder als gelebte Frucht des Glaubens neu auf. Jeder Christ wie auch jeder Mensch ist zur Liebe zum Nächsten und zur Hilfe für den Nächsten gerufen. Das ist ein wesentlicher Bestandteil jeder menschlichen Lebensordnung. Dieses sozialverträgliche und dem Nächsten als Mitmenschen dienende Verhalten ist dem Menschen schon wie als natürliches Gebot aus der condition humaine heraus eingezeichnet und eingeprägt, wenn wir mit den wichtigsten Strömungen der Philosophie und dem biblischen Zeugnis annehmen, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, das den Nächsten braucht, um erst in Gemeinschaft wirklich ein gelingendes Leben führen zu können.

Für die Christen geht es bei der Hilfe für den Hilfsbedürftigen aber stets um noch mehr. Für die Christen ist der Andere nicht nur Mitmensch in einer intrinsischen Qualität und Würde, sondern der Mitmensch ist Nächster und Gottes Ebenbild. Christen helfen nicht nur aus einer rein humanen Verantwortung oder aus Mitgefühl oder Mitleid heraus, sondern erfüllen damit auch das Gebot Gottes und achten den Nächsten als Mitgeschöpf und Gottes Ebenbild. Und deshalb darf der einzelne Christ das auch nicht auf die kirchlichen Institutionen abschieben und für sich selbst nur mit finanziellen Spenden erledigen.

In der Diakonie handelt die Kirche immer auch als Volk Gottes, als Gemeinde des auferstandenen Herrn, als Gemeinschaft der Heiligen, die sich zu Gebet und Sakrament um den Altar versammelt. Die Diakonie ist ein Liebeshandeln der betenden Gemeinde, die darin ihrem Gebet die Tat der Liebe als Konkretion des Glaubens und des Gebets folgen lässt. Christus war Messias des Wortes und Messias der Tat. Genauso lebt auch die Gemeinde im Wort des Evangeliums und der Verkündigung und verwirklicht diese in der Tat der Liebe. Kirche konstituiert sich so immer als betende wie helfende Liebesgemeinschaft (Koinonia).

Umso prophetischer erscheint uns in diesem Zusammenhang der Satz von Wilhelm Löhe „Alle Diakonie geht vom Altar aus…“. Dieser Satz bringt unsere orthodoxe Überzeugung auf den Punkt. Das ist nicht nur eine prophetische Feststellung, sondern eine wirklich ökumenische Beschreibung und Definition der Diakonie, die jeder Theologe unterzeichnen kann, der die Diakonie nicht von der Kirche trennt oder darin nur eine weltliche Hilfsarbeit sieht.

Diakonie ist mehr als weltliches Helfen. Es ist ein Helfen, das im Nächsten das Ebenbild Gottes erkennt. Denken wir nur an das große Gleichnis vom Endgericht Matthäus 25. Dort werden die Menschen danach gerichtet, wie sie dem Nächsten geholfen haben. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (…) Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“ (Matthäus 25, 40. 45) Die Diakonie ist der konkrete Ausdruck der Liebe Gottes zu den Menschen und der in der Versöhnungstat Christi am Kreuz und der Auferstehung neu ermöglichten Liebe der Menschen zu Gott und untereinander. Die Diakonie ist die wahre Verwirklichung dieser Liebe, die sichtbare Erfahrung dieser Liebe. In diesem Sinne gehört sie an einem entscheidenden Punkt zum Wesen und Leben der Kirche wie die Mission und das Zeugnis des Glaubens selbst. Ja sie kann sogar zur Mission werden. Denken wir nur daran zurück, wie wichtig in der apostolischen Zeit das neue soziale Verhalten der Christen untereinander war – als ein besonderes Zeugnis der Liebe Gottes gegenüber und in einer Welt, die durch eine egoistische Gesellschaft gekennzeichnet war (vgl. Apostelgeschichte 2, 42-47). Die Diakonie ist neben der Liturgie, der Gemeinschaft am Altar und dem Zeugnis des Glaubens damit ein Wesensmerkmal von Kirche (Leiturgia, Koinonia, Martyria, Diakonia).

Das soziale Wirken der Kirche muss freilich den Menschen auch als Subjekt der göttlichen Liebe in den Blick nehmen, als Gottes Ebenbild, nicht nur als Objekt der Hilfsbereitschaft. Die Hilfe für den Nächsten ist kein irdischer Selbstzweck aus Gründen einer humanen oder säkularen Moral, aus Mitgefühl oder aus Mitleid, sondern Ausdruck der Liebe und Gebot Gottes. Wenn die Kirche als Kirche sozial wirkt, dann geht es nicht nur um konkrete Hilfe, sondern dann geht es immer auch um gelingendes soziales Leben. Wir nehmen uns dabei als Kirche auch ein Beispiel an Christus selbst. Er hat Kranke und Besessene geheilt, Lahme gehen gemacht und Blinde sehen. Er hat den Menschen Nahrung gegeben und immer wieder für Aufmerksamkeit für sozial Schwache plädiert. Besonders deutlich wird dies in der theologischen Tendenz des Lukas-Evangeliums, das als „Sozialevangelium“ besonders profiliert ist.

    Formen der orthodoxen Zuwendung zum Menschen

Der Mensch ist von Gott mit Leib und Seele geschaffen. Die orthodoxe Theologie kennt nicht die scharfe Dichotomie zwischen Leib und Seele, die es in manchen westlichen Entwürfen von Philosophie und Theologie gibt. Leib und Seele gehören zusammen. Deswegen sind auch in unseren Gemeinden Krankensalbungen und Fürbittengebete für Kranke ein selbstverständlicher Bestandteil des Glaubens- und Gebetslebens und des sakramentalen Handelns der Kirche. Entsprechend wird auch die Krankensalbung nicht als Letzte Ölung verstanden. Das Sakrament der Krankensalbung wird als Hausgottesdienst mit der ganzen Familie gefeiert, mit sieben Evangelienlesungen, der Segnung des Hauses und der Familie und mehreren Priestern.

Wichtig ist für das orthodoxe Verständnis von Zusammenleben und sozialem Wirken der Kirche immer, dass alles Handeln der Kirche immer Gottesdienst und Gebet einschließt. Soziales Wirken der Kirche geschieht nie im luftleeren Raum oder als Ausdruck rein humaner Solidarität, sondern diese menschliche Solidarität soll immer vom Glauben getragen und motiviert sein. Die Kirche muss sich – wie Christus auch – um Leib und Seele der Menschen sorgen. Der ganze Mensch kommt in den Blick der Kirche, wenn sie sich an die Menschen adressiert. Christus hat die Buße und das Reich Gottes gepredigt und sich selbst für die Erlösung der Menschheit am Kreuz geopfert. Aber er hat auch Kranke geheilt, Brot und Fische vermehrt, Wasser zu Wein verwandelt und böse Geister ausgetrieben, um den Menschen Heil auch am Leib zu bereiten. Denn der Leib ist wie die Seele von Gott geschaffen. Christus gibt diese Mission auch seinen Jüngern als Auftrag weiter. Das ist zum Beispiel schon darin zu sehen, dass unser Herr Jesus Christus bereits seinen Jüngern, wie später auch den Aposteln, gleichzeitig die Vollmacht zur Vergebung von Sünden als geistliches Handeln wie auch die Vollmacht zur Heilung von Krankheiten als sozial-karitatives Handeln geschenkt hat (vgl. Mk 6, 7-13 bzw. Matth 10, 1.5-14, Luk 9, 1-6). Die Jünger wie die Apostel und damit die ganze Kirche verbinden mit ihrem verkündigenden und missionarischen Handeln somit von Anfang an auch das heilende und sozial-karitative Handeln.

Die Apostel sorgen in der Frühen Kirche für eine Gütergemeinschaft. Das beschreibt die Apostelgeschichte an mehreren Stellen (z. B. Apg. 2, 42-47). Und in den Briefen des Apostels Paulus und des Apostels Petrus wird der Gemeinde die Fürsorge für Arme und Witwen nahe gelegt. Die christliche Gemeinde ist nur dann eine authentische Gemeinschaft im Sinne des Wesensmerkmals der Koinonia, wenn sie als betende auch eine soziale Gemeinschaft ist. Und nur als soziale Gemeinschaft kann sie auch der Welt ein gelingendes Zusammenleben als christliches Lebensmodell profiliert vorstellen.

    Zum Verhältnis von Seelsorge und Diakonie

Die Orthodoxe Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte den großen Schwerpunkt auf die Seelsorge und das geistliche Leben gelegt. Unsere Kirche ist eine Kirche des Gebets, der Askese und Mystik und der Spiritualität. Wir verstehen unsere Mission als eine mystagogische: Christus hat uns die Aufgabe gegeben, die Menschen zu Gott und damit zum Heil zu führen. Das ist eine Mission, die über irdische Ziele und Belange noch weit hinausreicht. Das ist die Mission jeder Kirche, die das Eschaton im Blick hat und ernst nimmt.

Doch wir haben darüber nie die materiellen und leiblichen Sorgen und Nöte der Menschen vergessen. So kommen Seelsorge und Leibsorge immer zusammen. Und das ist auch wichtig. Der Weg der Kirche ist der Mensch, und hier ist der ganze Mensch gemeint mit Leib und Seele. In unserer Kirche wurde diese Nächstenhilfe und die soziale Arbeit jedoch nicht so stark institutionalisiert und in großem Stile organisiert wie in den westlichen Kirchen. Vieles an diakonischem und sozialem Handeln geschieht durch den einzelnen Christen als Individuum, durch die Kirchengemeinde, aber auch durch die Klöster. Die orthodoxen Klöster sind traditionell ein wichtiger und klassischer Ort für die orthodoxe Seelsorge. Das ist bis heute so. Hier kommen Gebet und Nächstenhilfe, Askese, Mystik und konkrete Unterstützung Bedürftiger auf eine idealtypische Weise zusammen. Viele Gläubige bringen den Klöstern zu den Gottesdiensten Gaben mit. Die Klöster leben von eigener Arbeit in Garten, Landwirtschaft und Tierzucht, aber auch von solchen Spenden. Vieles von den Spenden wird an Arme und Bedürftige weitergegeben. Hier kommen Seelsorge und Diakonie eng zusammen.

Die Hilfe für den Nächsten ist nach orthodoxem Verständnis ein von Gott dem einzelnen Christen aufgegebenes gutes Werk der Liebe und Barmherzigkeit. Zu diesen Werken zählt, Gutes zu tun und dem Nächsten und Bedürftigen mit allem Notwendigen zu helfen. Dies soll allerdings nicht um der öffentlichen Aufmerksamkeit willen geschehen, sondern so, „dass die Linke nicht weiß, was die Rechte tut“, also im Verborgenen und ohne sich damit zu rühmen.

    Organisierte Formen der Diakonie in der Rumänischen Orthodoxen Kirche

Die institutionalisierte und organisierte Form diakonischer Arbeit ist in unserer Kirche eine moderne Form der Diakonie. Die Bevölkerungsentwicklung und massive soziale Verwerfungen und Missverhältnisse haben dies notwendig gemacht. Unsere Kirche hat die Diakonie vor allem Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts aufgebaut. Die kommunistische Machtergreifung in Rumänien zwischen 1944 und 1948 hat diesen Aufbruch brüsk gestoppt.

In der kommunistischen Diktatur bis zum Dezember 1989 war der Kirche jegliches soziale oder missionarische Wirken außerhalb der Kirche verboten. Unsere Kirchen wurden nicht zerstört oder zu Schweineställen, Kinos und Schwimmbädern zweckentfremdet wie in der Sowjetunion. Unsere Kirche konnte ihr seelsorgerliches und liturgisches Leben weitgehend aufrechterhalten, sogar manche Klöster durften weiter bestehen. Aber die diakonische soziale Arbeit war mit dem sozialen und politischen Machtmonopol des atheistischen sozialistischen Staates und der Kommunistischen Partei unvereinbar. Ein sichtbares soziales Engagement der Kirche hätte ja bedeutet, dass die unfehlbare Partei und der allmächtige sozialistische Staatsapparat nicht die vollkommene Welt auf Erden im Sinne der sozialistischen Ideologie geschaffen hätten. Das hätte Defizite markiert auf dem Weg zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft der Arbeiter und Bauern. Deswegen durfte schon aus ideologischen Gründen die Kirche nicht sozial aktiv werden. In der Praxis war in Rumänien natürlich manches möglich. Es gab schon Nischen, die genutzt wurden, aber die institutionelle Diakonie war unmöglich.

Nach 1990 hat sich dies natürlich sofort geändert. Die Kirchen wurden wieder in all ihre Rechte eingesetzt. Diakonie, Religionsunterricht an den Schulen wie auch Anstaltsseelsorge in Krankenhäusern, Alten- und Behindertenheimen, Gefängnissen und Armee wurden wieder zugelassen. Das Problem war in unserem Fall natürlich vor allem finanzieller Art. Die Katholische und die Evangelische Kirche erhielten und erhalten massive finanzielle Förderung von ihren Glaubensbrüdern und Staaten aus dem Ausland, vor allem aus Rom bzw. aus Deutschland. Und das ist auch gut so. Wir jedoch müssen seither versuchen, mit wenigen eigenen Mitteln und auch gelegentlich staatlicher Unterstützung unsere Sozialarbeit aufzubauen. Das ist nicht einfach. Und trotzdem ist schon viel erreicht worden.

Es gibt heute zahlreiche kirchliche Sozialeinrichtungen der Orthodoxen Kirche in Rumänien, von der Ebene der Kirchengemeinde über die Bistümer und Metropolien bis hin zum Patriarchat auf nationaler Ebene. Es gibt heute in jedem Bistum im Leitenden Kirchenamt der Bistumsverwaltung eine eigene Sozialabteilung, die die sozialen Aktivitäten vor Ort und mit dem Bistum und dem Patriarchat koordiniert. Diese Sozialdepartments sind eine fest institutionalisierte Einrichtung mit eigenen Büros und eigenem Stab, mit Kirchenräten und Inspektoren, die als Sachbearbeiter und Experten dort arbeiten, wie in den anderen Abteilungen der Bistumsverwaltungen auch.

Gerade hier ist die Vernetzung sehr wichtig. So ist es erfreulich, dass an den jährlichen Tagungen des Social Care Net (SoCareNet) der Diakonie Neuendettelsau bisher schon mehrfach Vertreter orthodoxer Bistümer teilgenommen haben. Wir halten solche auch ökumenischen Vernetzungen auf nationaler wie internationaler Ebene für sehr wichtig und möchten dem Initiator dieser Netzwerke bei der Diakonie, Herrn Rektor Prof. Dr. Schoenauer, dafür auch an dieser Stelle einmal im Namen unserer Kirche einmal ausdrücklich danken. Heute findet die Sozialarbeit unserer Kirche auf allen Ebenen statt. Zur Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialassistenten gibt es – wie oben schon angemerkt – an 11 der 15 orthodoxen Fakultäten des Landes einen eigenen Studiengang, der zu einem Universitätsdiplom führt und zur Sozialarbeit in kirchlichen wie nicht-kirchlichen Sozialeinrichtungen berechtigt und qualifiziert. Trotz geringer Einkommens- und Aufstiegschancen freuen wir uns sehr, dass sich immer noch sehr viele junge orthodoxe Christen an allen Fakultäten, die diesen Studiengang anbieten, einschreiben.

Ohne hier Zahlenstatistiken vorführen zu wollen, seien doch einige Daten aus dem Rechenschaftsbericht der Sozialabteilung des Rumänischen Patriarchats für 2011 erwähnt. So wirkten im Jahre 2011 insgesamt 12.281 Personen als Angestellte im sozial-karitativen Bereich: 28 Bistumsräte, 35 Inspektoren, 285 akkreditierte Sozialarbeiter, 676 Mitarbeiter mit höheren Studien sowie 11.257 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Insgesamt 706 Sozialdienste und –einrichtungen wirkten auf der Ebene der Bistümer und in Bukarest. Dies waren unter anderem 171 Armenküchen und Sozialkantinen, 58 medizinische Einrichtungen und Apotheken im Gesundheitswesen, 80 Tagesbestreuungsstätten für Kinder, 11 Erziehungseinrichtungen, 46 Tagespflegestätten für Senioren, 40 Gemeinschaftshäuser, 35 Familienbetreuungseinrichtungen, 39 Kindergärten und -horte, 130 soziale Informations- und Beratungszentren, 6 Fortbildungszentren für Erwachsene, 33 Notzentren für Opfer häuslicher Gewalt (Frauenhäuser), Frauen, die vom Menschenhandel bedroht waren oder sind und Obdachlose. Insgesamt wurden 767 Sozialprojekte abgewickelt, davon 22 fremdfinanziert, 561 mit eigenen kirchlichen Mitteln und 160 mit Mischfinanzierung. Daraus wird schon ersichtlich, dass das Hauptproblem unserer Sozialarbeit die fehlende staatliche Unterstützung bei der Finanzierung darstellt, wenn wir als Kirchen den Kommunen Pflichtaufgaben abnehmen. Insgesamt erreichte die Sozialarbeit der Rumänischen Orthodoxen Kirche im Jahr 2011 211.495 bedürftige Personen mit insgesamt 895.350 sozialen Dienstleistungen. 105.717 bedürftige Kinder aus Einrichtungen der Kirche und des Staates und armer Familien kamen in den Genuß sozialer Dienstleistungen, 19.143 körperlich und geistig Behinderte, Drogenabhängige und Menschen mit HIV-Infektion, 74.752 alte Menschen (in Altenheimen, Alleinstehende und Vereinsamte, schwere Pflegefälle und Schwerkranke) sowie 11.883 Opfer von häuslicher Gewalt und Menschenhandel, entlassene Strafgefangene und Opfer von Naturkatastrophen.

    Rechtliche Rahmenbedingungen

Das neue Rumänische Staatskirchenrecht („Kultusgesetz“) sieht ausdrücklich die soziale Dienstleistung als ordentliches Wirken der Kultusgemeinschaften vor und respektiert die daraus entstehende Rolle und Bedeutung der Kultusgemeinschaften: „Art. 7 (1): Der rumänische Staat erkennt die geistliche, erzieherische, sozial-karitative und kulturelle Rolle der Kultusgemeinschaften sowie deren Rolle als Sozialpartner an wie auch ihren Status als Faktoren des sozialen Friedens.“ (Hervorhebung des Autors) Hier wird dreifach klar, welche Rolle der Staat den Kirchen und Kultusgemeinschaften beimisst. Sie gelten für den Staat a) als sozial-karitative Dienstleister, b) als Sozialpartner und c) als Faktoren des sozialen Friedens im Rahmen ihrer Teilnahme am Sozialen Dialog und ihrer Bemühungen um soziale Inklusion.

Das Rumänische Patriarchat hat am 2. Oktober 2007 mit der Regierung Rumäniens ein „Protokoll der Kooperation im Bereich der Sozialen Inklusion“ verabschiedet. Dieses Protokoll wurde ergänzt um ein „Protokoll der Kooperation im Blick auf die Partnerschaft ‚Medizinisch und seelsorgerliche Assistenz‘“ zwischen dem Patriarchat und dem Rumänischen Gesundheitsministerium vom 24. Juli 2008. Dies Abkommen legen zwischen der staatlichen Exekutive und dem Patriarchat die Grundlagen der Beziehungen fest.

Das neue Kirchenstatut der Rumänischen Orthodoxen Kirche (2007/2011) behandelt die kirchliche Sozialarbeit in einem eigenen Abschnitt.    

Zusammenfassung

Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist in der Praxis der Diakonie wie in der theologischen Reflexion und im Sozialen Dialog als Akteur und Partner heute präsent und aktiv. Unsere Kirche hat auf der Grundlage der einschlägigen staatskirchenrechtlichen Festlegungen wie auch aufgrund des eigenen Kirchenrechts seine rechtlichen Beziehungen zum Staat insoweit konkret geregelt und festgelegt, dass das sozial-karitative Wirken in freien wie rechtlich geordneten Formen ablaufen kann. Das soziale Wirken unserer Kirche ergänzt und vervollständigt die Verkündigung in Gottesdienst und Liturgie.    

Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa,

Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa,

Nürnberg

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