• pictura-catedrala-munchen.jpg
  • pictura-catedrala-munchen0.jpg
  • pictura-catedrala-munchen2.jpg
  • pictura-catedrala-munchen3.jpg
  • pictura-catedrala-munchen4.jpg
  • pictura-catedrala-munchen5.jpg
  • pictura-catedrala-munchen6.jpg
  • pictura-catedrala-munchen7.jpg
  • pictura-catedrala-munchen8.jpg
  • pictura-catedrala-munchen9.jpg

Worte des Metropoliten

Heiligkeit und Heiligung (Drübeck, 17.03. 2013)

Vortrag im Rahmen des Theologischen Dialog zwischen der EKD und der Rumänischen Orthodoxen Kirche - Thema: „Heiligkeit und Heiligung“,  13. - 18. März, Kloster Drübeck (Sachsen-Anhalt)

Ich freue mich, im Namen der rumänischen Delegation die deutsche Delegation mit Herrn Bischof Schindehütte an der Spitze von Herzen begrüßen zu dürfen. Die meisten von uns sind mit unserem  Theologischen Dialogs zwischen der Rumänischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland/EKD schon lange Zeit vertraut, andere nehmen zum ersten Mal daran teil. Für uns alle sind diese Treffen ein Segen, für den wir Gott dem Herrn zu danken haben. Sie sind aber auch ein Segen für unsere Kirchen, denn die Theologie sthet aus Sicht der Orthodoxen Kirche im Dienst der Kirche und trägt zu deren Aufbau bei.

Ich freue mich, dass wir bei dieser Runde ein Thema der Spiritualität erörtern werden, das grundlegend ist für das christliche Leben, und zwar Heiligkeit und Heiligung. Die Art und Weise, wie jede christliche Konfession die Heiligung und die Heiligkeit versteht, bestimmt das praktische geistliche Leben der Gläubigen und das Spezifische der jeweiligen Konfession. Grundsätzlich antworten die verschiedenen christlichen Traditionen auf eine je eigene Weise auf das grundlegende Bedürfnis des Menschen nach Erlösung und der Selbstüberschreitung durch seine Heiligung. Dies werden wir auch bei den Referaten und Diskussionen im Rahmen dieser Begegnung konstatieren. Unser Ziel ist es, die orthodoxe und die evangelische Tradition mit Blick auf Heiligung und Heiligkeit kennenzulernen und zu sehen, inwieweit sie sich gegenseitig ergänzen und inspirieren können.

Wenn ich auch laut Programm an dieser Stelle Sie nur begrüßen sollte, erlauben Sie mir doch, hier eine Einführung in das Thema zu geben und einige Aspekte der orthodoxen Spiritualität zu verdeutlichen, die Nicht-Orthodoxen weniger bekannt sind und falsch verstanden oder interpretiert werden können.

Zuerst möchte ich betonen, dass die geistlichen Wirklichkeiten jede Bemühung um Systematisierung übersteigen, weil sie das freie und souveräne Wirken des Heiligen Geistes betreffen, der „weht wo er will“. Der Heilige Geist heiligt den Menschen und die Schöpfung nach seiner Ökonomie, die wir nie durchdringen noch gänzlich verstehen können und umso weniger einer rationalen Systematisierung unterziehen können. Wir müssen uns immer vor rigiden Systematisierungen in der Theologie hüten. Denn „der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (1. Korinther 3, 6). Der große orthodoxe Theologe Vladimir Lossky sagte einmal: Wenn du ein System entworfen hast, untergrabe es sofort, damit du nicht ein Sklave dieses Systems wirst, denn Gott ist jenseits jedes Ausdrucks und jedes Systems! Leider sind wir oft genug Sklaven unserer eigenen Systeme, unserer eigenen Traditionen oder Darstellungen von Gott!

Wenn wir von „Spiritualität“ sprechen, dann meinen wir damit das christliche Leben in seiner Ganzheit, dessen Sinn und Ziel die Heiligung des Menschen in seiner ontologischen Einheit von Leib, Seele und Geist ist (vgl. 1. Thessalonicher 5,23). Wobei wir Orthodoxen dem Begriff der „Spiritualität“ den Ausdruck des „Lebens in Christus“ oder des „Lebens im Heiligen Geist“ im Sinne des geistlichen Lebens vorziehen. Auch trennen wir grundsätzlich nicht zwischen Theologie und Spiritualität, zwischen Liturgie und Diakonie, sondern sehen in all dem ein organisches Ganzes, einen einheitlichen Ausdruck des Lebens in Christus. Genauso haben für uns die Begriffe der Heiligung, der Vervollkommnung und der Vergöttlichung die gleiche Bedeutung. Vor allem der Begriff der „Vergöttlichung“ kann bei Nicht-Orthodoxen Verdacht erregen. Unser großer Theologe Dumitru Stăniloae klärt uns darüber auf, dass die „Vergöttlichung nichts anderes als die höchste Stufe der Vermenschlichung des Menschen ist“. Denn im Stand der Sünde lebt der Mensch unterhalb seiner Menschlichkeit oder sogar gegen sie. Der evangelische Theologe Jürgen Henkel, einer der profundesten Kenner und Interpreten der Rumänischen Orthodoxen Kirche und Theologie in Deutschland, hat in seiner Arbeit „Eros und Ethos“ über Dumitru Stăniloae (2003) genau dieses orthodoxe Verständnis von Vergöttlichung und Heiligung, von Theosis und Glaubenspraxis für die evangelische Theologie mit tiefem Verständnis gedeutet und dargestellt.

Die geistliche orthodoxe Tradition – die orthodoxe Spiritualität – ist, auch wenn sie profund vom Mönchtum geprägt ist, trotzdem eine Spiritualität für alle Glieder der Kirche. Wenn Christus in der Bergpredigt sagt: „Seid vollkommen wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Matthäus 5, 48), dann richtet Er diese Worte an alle, unabhängig vom Stand des Einzelnen in der Kirche: ob Laie, Kleriker oder Mönch. Im Grunde sind die Mönche in der orthodoxen Tradition auch Laien, denn das ostkirchliche Mönchtum wurde nicht „klerikalisiert“ wie das westliche Mönchtum. Trotzdem haben die Mönche sich stets besonders darum bemüht, das evangelische Maximum zu leben und wurden so zu lebendigen Vorbildern für die Laien. So kommt es, dass die meisten geistlichen Erbauungsschriften, an denen sich die Laien orientieren, von Mönchen stammen. In diesen Schriften erkennen wir, dass ihre Autoren profunde Kenner der menschlichen Seele waren und ihre Empfehlungen sich nicht auf die Mönche beschränken, sondern einen allgemeinen Charakter haben.

Die „asketischen Väter“, wie wir diese in der orthodoxen Tradition nennen, lehren uns, dass der Mensch und mit ihm die gesamte Menschheit und der gesamte Kosmos sich im Herzen wiederspiegeln. Im Herzen konzentrieren sich wie in einem Fokus alle psychischen und physischen Kräfte und Energien, die das menschliche Sein und das ganze Universum durchstrahlen. Jeder Mensch ist somit ein Mikrokosmos. Auch die Taufgnade ist im Herzen verborgen. Wenn all diese Kräfte und Energien in Harmonie sind, erfreut sich die menschliche Seele des Friedens, und die Gnade kann ohne Hindernis an der Heiligung des Menschen arbeiten. In diesem Zustand macht der Mensch die Erfahrung seiner ontologischen Einheit mit der ganzen Menschheit und der ganzen Schöpfung. Er ist von nichts und niemand mehr getrennt; er nimmt alle Menschen und die ganze Schöpfung wie als Glieder am eigenen Leibe wahr (vgl. Römer 12, 5; 1. Korinther 6, 15; Epheser 4, 25), und sein Herz brennt vor Liebe für alles, was existiert und lebt. Diese Liebe manifestiert sich zuerst als Mitleid mit dem Leiden der Nächsten und der Schöpfung. Dies ist das Zeichen der Heiligkeit, allerdings ausschließlich der Gnade, die im Herzen des Gläubigen wirkt. So stellt der Heilige Geist im Gläubigen jene ontologische Einheit mit der ganzen Menschheit wieder her, die durch die Sünde verlorengegangen ist. Die Heiligung besteht also in der ontologischen Verwandlung des Menschen, nicht nur in seiner einfachen Anpassung an moralische Vorschriften.

Dieselben geistlichen Väter setzen uns allerdings auch einem großen Widerspruch aus. Einerseits sagen sie, dass in unserem Leben „alles Gnade ist“ und „die Gnade nichts kostet“; andererseits fordern sie: „gib dein Blut, um die Gnade zu erhalten“. Der geistliche Mensch weiß aus eigener Erfahrung, dass das Leben in Christus die menschliche Logik übersteigt und dass Glaube grundsätzlich die Kreuzigung des Verstandes gegenüber der natürlichen Weise, die Dinge zu beurteilen, bedeutet. Dieses Denken im Widerspruch hängt mit dem Glaubensakt an sich in der Weise zusammen, dass die oben genannten Widersprüche, auch wenn sie aus logischer Sicht widersprüchlich sind, aus der Sicht des Glaubens gleich wahr sind. Wir können für jede dieser beiden Aussagen zahllose biblische Belege benennen. Hier seien nur zwei erwähnt. So heißt es im Brief des Paulus an die Epheser: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das ist nicht aus euch: Gottes Gabe ist es“ (Epheser 2, 8; vgl. auch Philipper 2, 13; Matthäus 11, 12) Im Brief an die Hebräer heißt es: „Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde.“ (Hebräer 12, 4; vgl. auch Matthäus 7, 13).

Es braucht große geistliche Weisheit, um diese beiden grundlegenden Wahrheiten zusammenzubringen, dass nämlich „alles Gnade ist“ und dass wir unser Blut geben müssen, um diese Gnade zu empfangen. „Alles ist Gnade“ bedeutet, dass die Heiligung ein Wirken ausschließlich des Heiligen Geistes darstellt; und die Aufforderung „Gib dein Blut, um die Gnade zu empfangen“ bedeutet die Mitwirkung des Menschen am Erlösungswirken Gottes. Denn „wir sind in allem Gottes Mitarbeiter“ (1 Korinther 3, 9).

Im heiligen Sakrament der Taufe empfangen wir die Fülle der Gnade und sind schon Heilige. Diese baptismale Heiligung fordert jedoch eine alltägliche Aktualisierung durch unser Zusammenwirken mit der Taufgnade, deren Wirken durch unsere Teilnahme an den heiligen Sakramenten der Kirche, besonders an der Eucharistie, und durch unser persönliches Bemühen um das Ablegen der Leidenschaften und die Heiligung, also die Askese, erneuert und gesteigert wird. Die im Herzen verborgene Gnade kann sich nur in dem Maße äußern, in dem das Herz sich von allem reinigt, was seine Entfremdung von Gott bewirkt, und es sensibel macht für Seine Gegenwart. Dies ist ohne Askese nicht möglich, also ohne Gebet, ohne Selbstbeschränkung beim Essen und Trinken und Maßhalten in allem, ohne das Bemühen, immer das Gute zu tun und uns vom Bösen fernzuhalten. Alle Väter sagen, dass die Askese sogar bis in ihre extremen Formen nicht auf  das Abtöten des Körpers, sondern das Abtöten der Leidenschaften abzielt. Die Askese verfolgt die Vergeistigung des Leibes und der Materie, nicht ihre Zerstörung. Dieselben Väter sagen, dass der Mensch, wenn er nicht geistlich wird bis in seinen Leib, er fleischlich bleibt bis in den Geist.

Im Gegensatz zum Zeitgeist der Moderne, der versucht, die Sünde bis zum Bestreiten zu negieren, hat die ostkirchliche Tradition eine sehr realistische Sicht und theologische Konzeption der Sünde bewahrt. Sie sieht in der Sünde die Tendenz zur Autonomie des Menschen gegenüber Gott und die Revolte gegen die von Ihm in der Natur und in der Schöpfung gesetzte Ordnung. Die Väter sehen in der Sünde eine tief im Wesen des Menschen verwurzelte Krankheit, die, wenn sie nicht behandelt wird zum seelischen Tod des Menschen führt und in der Folge davon zum ewigen Tod. Wie wir wissen bezeichnet der Begriff „Diabolos“ im Griechischen denjenigen, der die Einheit spaltet, trennt und zerstört und Zwiespalt sät. Die Sünde als Werk des Teufels löst die innere Einheit des Menschen auf, sie zerstört die Harmonie der Kräfte und Energien seines Wesens, sie verfälscht die menschlichen Beziehungen und verschließt den Menschen in sich selbst und entfremdet ihn von Gott und seinen Nächsten. Deshalb kann sich der Mensch im Zustand der Sünde nicht des Friedens im Herzen erfreuen. Die wiederholte Sünde wird zur Leidenschaft (zur schlechten Angewohnheit). Durch die Leidenschaften verliert der Mensch seine Freiheit und wird zum Knecht der Sünde. „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht“, sagt der Herr Jesus Christus (Johannes 8, 34). Und „der Tod ist der Sünde Sold“ (Römer 6, 23) mit der ganzen Palette an Krankheiten und Leiden, die dem vorausgehen.

Aufgrund der ontologischen Einheit der Menschheit haben sowohl die Sünde wie auch die Tugend Konsequenzen nicht nur für die eigene Person, sondern auch für die Nächsten (die Familie, die Verwandten, das persönliche Umfeld und so weiter) und infolgedessen für die ganze Menschheit und den ganzen Kosmos. Es besteht ein Zusammenhang wie zwischen Ursache und Wirkung zwischen der Sünde und Krankheiten oder dem Leiden sowie zwischen den Tugenden und der Gesundheit. Die Sünde schwächt die menschliche Natur, wohingegen die Tugend diese stärkt und heilt. So können wir auch das genetische Erbe sowie verschiedene Erbkrankheiten  verstehen (vgl. Deuteronomium 5, 9-10). Wenn diese mit Hilfe des Glaubens ohne Gegenwehr angenommen werden, dann werden sie zum Grund von Erlösung und Heiligung. Denn das im Glauben angenommene Leiden weckt im Menschen das Gefühl für die Reue, und die Reue heiligt den Menschen. Alle Väter sagen, dass ein mit Freude angenommenes und auf die eigene Sünde zurückgeführte Leid, den Menschen mehr heiligt als jede Askese.

Weil die Heiligung ausschließlich eine Gabe ist, die durch keine Bedingung erworben werden kann, geben die Väter auch keine „Methode“ zur Heiligung an die Hand. Sie empfehlen aber sehr wohl Methoden zum Überwinden der Leidenschaften und zum Kampf gegen die Sünde. Gewiss ist auch die Überwindung der Leidenschaften letztlich ein Wirken der Gnade oder eine Gabe Gottes. Doch niemand kann seine Leidenschaften überwinden ohne Askese, ohne dauerhafte und nachhaltige Anstrengung im Kampf gegen die Sünde. Im Prozess der Überwindung der Leidenschaften, der das ganze Leben über dauert, wächst in uns das Wissen um die Sünde und das Gefühl für die Reue oder das Bedauern über die begangenen Sünden. Das heißt, wir erkennen immer mehr unsere Sündhaftigkeit und spüren immer mehr das notwendige Verlangen nach Reue. Die Reue ist eine große Tugend, die uns im Zustand der Demut hält, ohne den niemand, wie die Väter sagen, sich Gott nähern kann. Daher kann auch kein Christ zu Lebzeiten schon sagen, dass er das notwendige Maß an Heiligkeit erlangt hat oder Fortschritte in seiner Heiligung macht. Im Gegenteil: der wahre Heilige verleugnet sich selbst, ist sich seiner Sünden bewusst und rechnet alles Gute in seinem Leben Gott zu. Er fühlt sich für alles Böse in der Welt mit verantwortlich und nimmt sich alles zu Herzen wie Christus, um das Böse mit seinem Gebet und seiner Askese zu überwinden.

Vor allem die Mönche sind sichdessen bewusst, dass sie von Gott berufen sind, sich selbst für die Welt durch Reue und Askese zu heiligen. Denn nichts hilft der Welt mehr als die persönliche Heiligung! „Erlange deinen Frieden des Herzens und tausende von Menschen werden in deinem Umfeld erlöst“, sagt der heilige Serafim von Sarov († 1833). Der Mönch flieht also die Welt und zieht sich in die Einsamkeit zurück, um die Menschen in seinem Herzen wiederzufinden, wo er durch das Gebet eintritt und verweilt. Von den Mönchen können wir ganz besonders lernen, dass das wahre Gebet jenes ist, das mit dem „ins Herz herabgestiegenen Verstand“ oder dem mit dem Herzen vereinten Verstand verrichtet wird. Sie sagen auch, dass der Verstand (gr. „nous“) eine Energie des Herzens ist und nur dann an seiner Zerstreuung gehindert werden kann, wenn er durch das Gebet ins Herz hinabsteigt. Ein Gebet, das nur den Verstand (den Intellekt) beansprucht, ist kein ganzes Gebet. Nur das Gebet des Herzens befriedet und heiligt den Menschen.

Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

Nürnberg / Drübeck (13.03-17.03 2013)

construimcatedrala.ro