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Worte des Metropoliten

Rede zum 80. Geburtstag S. E. Bischof Josef Homeyer (Hildesheim, 1.08.2009)

Es ist für mich eine große Freude und gleichzeitig eine große Ehre, heute hier unter den Freunden und geladenen Gästen zur Feier dieses gesegneten Ereignisses im Leben Eurer Exzellenz zu sein. Vor einer Woche, am 1. August, wenn die Orthodoxe Kirche der heiligen sieben Brüder Macabei gedenkt, die Kämpfer für den Glauben ihres Volkes waren, und die Katholische Kirche des heiligen Bischofs Alfons Maria de Liguori gedenkt, des Gründers des Ordens der Redemptoristen, die große Missionare in den Gemeinden sind, haben Sie das biblische und schöne Alter von 80 Jahren vollendet. Gott der Herr hat Sie nicht nur mit vielen und ertragreichen Jahren gesegnet, sondern auch mit Gesundheit und der nötigen Dynamik für die Erfüllung der Mission, zu der er Sie berufen hat. Und jetzt in diesem hohen und gesegneten Alter sind Sie immer noch so gesund und aktiv wie in der Jugend. Hier erfüllen sich wahrhaftig die Worte des Psalmisten, der sagt: „Lobe den Herrn meine Seele, …, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ (Psalm 103, 1+5)

Als orthodoxer Bischof, der Sie näher kennt und Ihr Wirken in höchstem Maße schätzt, möchte ich vor allem Ihre Berufung zum Brückenbauer unterstreichen, besonders zwischen Okzident und Orient, die Ihr Leben so sehr kennzeichnet. Als Persönlichkeit aus dem Abendland haben Sie sich nicht von der Versuchung zum Hochmut gegenüber dem Osten verlocken lassen, sondern Sie haben immer auch mit offenem Herzen und Geist auf den Osten geblickt, wo sich ein großer geistlicher Reichtum entdecken läßt, ein fast unerschöpfliches Potential an Spiritualität und geistlichem Leben, das ein wichtiger Beitrag zur Erneuerung und neuen Blüte des christlichen Lebens in ganz Europa sein könnte, wenn man es nur besser wahrnehmen würde, denn die Zukunft Europas hängt ganz wesentlich von seiner geistlichen Wiedergeburt ab.

Daher haben Sie konstant – und ich würde sagen: in einer ganz besonderen Weise – die Beziehungen zu allen orthodoxen Ortskirchen gefördert und gepflegt, sowohl auf der Ebene der Jugend, als auch auf der Ebene der Bischöfe und besonders der Oberhäupter dieser Kirchen, die Sie ohne Ausnahme besucht haben. Was Sie auch bis heute tun! Ich möchte hier an Ihren denkwürdigen Besuch in Bukarest Ende des Jahres 2000 erinnern, an Ihre Begegnung mit unserem unvergessenen Patriarchen Teoctist, Ihre Teilnahme an der vom Patriarchen zelebrierten Liturgie in der Patriarchatskathedrale, und vor allem an Ihre Vorlesung in der Aula der Orthodoxen Theologischen Fakultät vor hunderten Studenten, Professoren und geladenen Gästen. Beeindruckt von der Wärme und Herzlichkeit, mit der Sie dort empfangen wurden, haben Sie vor dem Publikum ausgerufen: „Europa sucht seine Seele, hier in Rumänien habe ich sie gefunden. Rumänien ist der Garten der Gottesmutter.“

Schon in Ihrer Zeit als Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz haben Sie das Ostkirchliche Institut in Regensburg unterstützt, das von den Patres Dr. Albert Rauch und Dr. Nikolaus Wyrwoll zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts gegründet wurde, danach haben Sie als Bischof von Hildesheim Pater Nikolaus Wyrwoll, einem Priester Ihres Bistums, gestattet, an das Institut zu wechseln, um die jungen orthodoxen Stipendiaten des Instituts zu betreuen. Wir möchten hier daran erinnern, daß an diesem Institut hunderte junger Orthodoxer studiert haben, von denen viele Bischöfe und einige sogar Patriarchen geworden sind.

In Ihrer Eigenschaft als Präsident der Kommission der Europäischen Bischofskonferenzen an den europäischen Institutionen in Brüssel und Straßburg haben Sie stets für die Integration der osteuropäischen Länder mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit in die Europäische Union plädiert, ein wesentlicher Prozeß für Europa, in dem Sie aber weder eine Ausbreitung Europas nach Osten, noch eine Rückkehr der ehemals kommunistischen Länder nach Europa gesehen haben, weil diese trotz ihres wirtschaftlichen und politischen Niedergangs im Kommunismus nie aufgehört haben, europäische Länder zu sein. Sondern für Sie war das stets eine Wiedervereinigung Europas, ein Wiedererlangen seiner geographischen, kulturellen und geistlichen Einheit. Ihnen war stets klar, daß diese politische und wirtschaftliche Wiedervereinigung Europas eine Bereicherung für alle Europäer darstellt und daß sie substanziell zur Einheit im Glauben der Christen beitragen kann. Wenn also die Spaltung der Christen in großem Ausmaß zur Zersplitterung Europas und Entfremdung der Völker Europas voneinander beigetragen hat und sogar Ursprung zahlreicher Konflikte war, so wird die politische und ökonomische Wiedervereinigung Europas mit der Zeit zur Annäherung unter den Christen beitragen, zum besseren gegenseitigen Kennenlernen und der Zunahme an Vertrauen zwischen ihnen, als Prämissen für ihre Einheit im Glauben, die ganz gewiß nicht als Gleichförmigkeit der Traditionen und Riten missverstanden werden darf, sondern im Gegenteil als versöhnte Verschiedenheit nach dem Modell des ersten Jahrtausends des Christentums aufzufassen ist.

Natürlich können die Neugeburt Europas und die Verwirklichung der europäischen Einheit – ein langfristiger Prozeß, der erst noch am Anfang steht – nicht ohne „Geburtswehen“ vonstatten gehen. In diesem Prozeß wirkt auch eine Vielzahl an Mächten des Bösen, um die Verwirklichung der Einheit zu behindern, denn nichts stört den Teufel mehr als die gelingende Gemeinschaft der Menschen untereinander und Harmonie zwischen den Menschen. Der Name des Herrn des Bösen, „Diabolos“, bezeichnet im Griechischen den, der spaltet, der die Einheit, die Gemeinschaft und die Harmonie unter den Menschen durch das Säen von Mißtrauen, Furcht vor dem Nächsten, Egoismus und Haß zerstört… Das Wirken des Teufels ist dem Wirken des Heiligen Geistes genau entgegengesetzt, der die Menschen zusammenbringt und vereint. Als Kirchenleute sind wir überzeugt, daß jede dauerhafte Einheit zwischen den Menschen vor allem eine geistliche Einheit ist, denn es ist unmöglich, eine nur auf materiellen, politischen oder ökonomischen Prinzipien basierende Einheit zu bilden.

Leider ignorieren die meisten Politiker, besonders jene, die uns auf europäischer Ebene vertreten und die für das ganze Europa gültigen Gesetze beschließen, nachgerade absichtlich die grundlegenden Werte des Christentums, die in der Geschichte für Europa, seine Völker und Gesellschaften stets größtes Gewicht besaßen und die prinzipiell die Grundlage der Menschenrechte sind. Solche Politiker erlassen auch früher oder später direkt gegen die moralischen Prinzipien und die natürliche Moral gerichtete Gesetze. Die Gesetzesregelung der Abtreibung in den meisten Staaten Europas mittlerweile und die gegen die christliche Lehre und die Schöpfungsordnung Gottes gerichtete staatliche Gleichstellung homosexueller Paare mit Ehen und Familien sind hierfür erschreckende Beispiele. Mit solchen Gesetzen wird Europa ohne Zweifel früher oder später zugrunde gehen. Denn hier geht es um ein Übertreten der Gesetze der Natur und der Schöpfung Gottes, die von Gott gegeben wurden, um das Leben zu schützen. Die Verantwortung für solche Fehlentwicklungen liegt in dem Maße auch an uns Christen, als wir nicht imstande sind, uns auf eine gemeinsame Position zur Verteidigung der fundamentalen christlichen Werte zu verständigen.

Die in der Geschichte Europas beispiellose, aus der Säkularisierung resultierende moralische Krise, die den Westen wie den Osten gleichermaßen erfaßt hat, kommt zu der Identitätskrise hinzu, die vor allem viele im Osten spüren und wahrnehmen. Von der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ganz zu schweigen, die wesentlich auch eine moralische Krise ist. Wie in jeder falsch verstandenen Krisensituation versucht nun jeder, Sündenböcke zu finden, um die Schuld und die Verantwortung auf andere abzuschieben. Daraus erklärt sich in mehrheitlich orthodoxen Ländern das Anwachsen anti-ökumenischer Strömungen besonders in Kreisen des Mönchtums und gebildeter Menschen. In diesen Kreisen besteht eine wahre Phobie im Blick auf die Bedrohung der Orthodoxie durch Nicht-Orthodoxe und auch die Bestrebungen eines Synkretismus und eines Pluralismus der Religionen oder anderer obskurer und okkulter Kräfte und Mächte, die allesamt das Kommen des Antichristen anzeigen. Das Problem der Reisepässe mit biometrischen Daten, die von der EU gefordert werden, verletzen nach orthodoxer Sicht die persönliche Freiheit und die Menschenwürde und sind Vorläufer eines einheitlichen antichristlichen Weltregiments. Dieses Problem hat alle Orthodoxen Kirchen beschäftigt und die Diskussion darüber ist noch lange nicht abgeschlossen. Besonders schwer wiegt die Tatsache, daß Bischöfen, die an der ökumenischen Bewegung mitwirken oder die Bevölkerung gegenüber solchen Gefahren nicht verteidigen, die ihren Glauben bedrohen, Verrat an der Orthodoxie vorgeworfen wird.

Dabei macht tatsächlich kein Orthodoxer, der sich am ökumenischen Dialog beteiligt, irgendwelche Kompromisse in Glaubensfragen, sondern legt ganz im Gegenteil ein lebendiges Zeugnis von der  Alten Ungeteilten Kirche ab. Es muß festgehalten werden, daß solche fundamentalistischen Haltungen dem Geist der Orthodoxie selbst zuwiderlaufen und der Orthodoxie einen Bärendienst erweisen: im Inneren durch den Schaden, den sie in den Reihen der Gläubigen hervorrufen, und nach Außen durch das falsche Image der Orthodoxie, das diejenigen wahrnehmen, welche die Orthodoxie kennenlernen wollen. Das ist das größte Antibekenntnis, das jemand für die Orthodoxie abgeben kann!

Ich glaube, daß keine Erklärung, auch keine theologische, jene Menschen zufriedenstellen kann, die ernsthaft der Meinung sind, dass sie die Pflicht haben, den Glauben und ihre Nächsten vor solchen erwähnten Gefahren zu bewahren. „Jedem menschlichen Wort kann mit einem anderen Wort widersprochen werden, doch welches Wort könnte dem Leben selbst widersprechen?“, fragt der heilige Gregorios Palamas. Die Antwort auf jede Kontroverse ist das von Gott gewollte und gesegnete Leben selbst, das möglichst authentische Leben in Christus und die Nachfolge, die nicht auf den Buchstaben oder die Theorie reduziert werden können. Denn „der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor. 3,6).

Es ist sehr schmerzlich, daß es in diesen ohnehin sehr glaubensfeindlichen Zeiten, in denen die Existenz des Christentums selbst gefährdet ist, noch Christen gibt, die den Glauben instrumentalisieren und in eine Waffe gegen die Mitchristen anderer Kirchen transformieren. Ich glaube, daß genau dies unsere Berufung ist, das Drama der Spaltung der Christenheit zu erleben, gemeinsam mit Christus daran zu leiden, der dafür gebetet hat, „daß sie alle eins seien“, und unser Gebet und die Askese zu steigern, die in uns den Egoismus auslöschen und unser eigenes Leben nicht mehr zum alleinigen Maß machen, sondern uns zuerst an das Leben der anderen denken lassen. So entdeckt der geistliche Mensch in seinem Herzen seine ontologische Einheit mit der ganzen Menschheit und Schöpfung. Alles lebt in ihm: er ist von niemand und nichts mehr getrennt. Deshalb ist er erfüllt von Mitgefühl und Mitleid für Menschen und Tiere, für die Bäume und die ganze Natur und betet für alle, auch für die Feinde der Wahrheit, welche Dämonen sind, wie der heilige Isaak der Syrer sagt.

Dies ist der wahre Geist der Orthodoxie und der orthodoxen Spiritualität, welche Sie, Exzellenz, so gut kennen und auch lieben. Die Orthodoxie hat die Vergöttlichung des Menschen zum Ziel, das heißt seine Angleichung an Christus, der in Sich die ganze menschliche Natur und die ganze Schöpfung erneuert hat. Nur durch die Erneuerung seiner inneren Einheit, also der ontologischen Einheit mit allen seinen Nächsten in der Menschheit, wird der Mensch wirklich human und kann sich wirklich des Friedens seines Herzens erfreuen, der höher ist als alle Vernunft. Vater Professor Dr. Dumitru Staniloae unterstreicht immer wieder, daß die Vergöttlichung des Menschen seine höchste Humanität darstellt, die durch den Sündenfall verlorengegangen ist, aber durch Christus und in allen, die mit Ihm vereint sind, wieder aufgerichtet wurde. Daher haben auch das christliche Gebet und die Askese nicht nur eine moralische Dimension, sie reduzieren sich nicht auf ein äußerliches Verhalten, sondern sie zielen auf die moralische Verwandlung des Menschen, auf seine Erneuerung in Christus. In diesem Sinne legt die gesamte geistliche ostkirchliche Tradition so gesteigerten Wert auf die Verinnerlichung, auf die Konzentration des geistlichen Lebens im Herzen. Das Herz ist der Sitz des inneren Lebens, des geistlichen Lebens, das menschliche Organ, in dem sich wie in einem Fokus alle menschlichen Sinnesregungen und geistigen psycho-physischen Kräfte des Menschen konzentrieren. Im Herzen wohnt auch die Taufgnade. Der Verstand wiederum ist nichts anderes als eine Energie des Herzens, daher muß der Verstand immer in einer lebendigen Beziehung mit dem Herzen bleiben. Andernfalls zerstreut sich der menschliche Geist in äußerlichen Dingen und hängt jenen weltlichen Dingen an, er sucht nur noch die leiblich-sinnlichen Genüsse und findet keine Ruhe mehr. In diesem Seelenzustand wird der Mensch nur noch mehr verwirrt und mit sich selbst unzufrieden werden, statt mit sich selbst, allen Nächsten, der ganzen Schöpfung und Gott im Reinen zu sein, er wird mit seinem Leben noch unzufriedener, als zufriedener, und noch kritischer und destruktiver in seinem Urteil statt positiver; so wird er genau deshalb in ständiger Rastlosigkeit und Streß leben, weil er den Sinn des Lebens aus dem Blick verloren hat, der im Inneren seines Herzens verborgen ist.

Nur das Gebet kann uns aus dieser Zerstreuung befreien, wenn wir es so verrichten, wie uns die heiligen Väter lehren, also „mit dem Verstand im Herzen“, also mit aller Aufmerksamkeit im Herzen konzentriert. Daher ist die Orthodoxe Kirche eine Kirche des Gebets par excellence und hat eine beeindruckende mystische Gebetstradition, sowohl liturgisch, als auch was den Einzelnen betrifft, die unter dem Begriff des Hesychasmus bekannt geworden ist. Dieser Begriff für diese Strömung unterstreicht schon sprachlich das Ziel dieser Gebetspraxis: die Hesychia zu erlangen, also den inneren Seelenfrieden und die Seelenruhe, die innere Ausgeglichenheit. Wenn alle Seelenkräfte des Menschen im Herzen konzentriert sind und der Mensch die Erfahrung seiner ontologischen Einheit mit der ganzen Menschheit macht. Er erlangt dann die höchste Vollendung des Menschseins, weil er von nichts und niemand mehr getrennt ist. Aus diesem Seelenzustand, der sich natürlich auch dem Wirken des Heiligen Geistes verdankt, erwachsen dem Menschen ungeahnte Kräfte, die das menschliche Wesen erneuern und ihm helfen, sich in den Dienst des Nächsten zu stellen und Gott zu loben und zu danken. Ist dies nicht die Antwort auf die verzweifelte Suche des Menschen zu allen Zeiten, vor allem aber in der Gegenwart, nach Sinn und Ruhe, um sich vom Streß und den ganzen psychischen Störungen zu befreien, an denen heute so viele Menschen leiden? Warum nur suchen so viele Zeitgenossen, darunter auch viele Christen, Frieden und Seelenruhe, geistliche Hilfe und Erbauung bei Religionen und Meditationspraktiken des Fernen Ostens, wenn ihnen die christliche Spiritualität so unendlich viel mehr bieten kann als alle anderen Religionen? Gewiß weil der spirituelle Reichtum des Christentums und vor allem der Alten Kirche und der Orthodoxie ignoriert wird.

Doch um die Erfahrung des Gebets in der Seelenruhe oder des Herzensgebetes machen zu können, das uns Frieden schenkt und uns mit Gott wahrhaft auf eine mystische Weise vereint, ist auch die Mitwirkung und Vorbereitung unseres Leibes auf das Gebet in der Askese notwendig, weil Leib und Seele eine unauflösliche Einheit darstellen. Der Verstand bleibt nicht ins Gebet vertieft, wenn der Leib nicht einer strengen Askese unterworfen wird, die in einem in jeder Hinsicht besonnenen und beherrschten Leben besteht. Dazu zählen das Fasten, die Metanien, der Dienst am Nächsten, die Enthaltung von der Sünde… Das Gebet selbst ist eine große Askese, bis es allmählich Wurzeln in der Seele schlägt und dann mit immer größerer Freude und Leichtigkeit verrichtet wird. Die Askese ist gleichzeitig der größte Beweis für die Selbstbeherrschung und der inneren Freiheit. Wer sich von Essen und Trinken enthalten kann, vom Schlaf wie die schlaflosen Mönche, die Akoimeten, und von der Sünde, um sein Leben in den Dienst der Nächsten zu stellen, der ist wirklich frei. Ganz nebenbei sei hier erwähnt, daß die Askese, besonders die Enthaltsamkeit beim Essen und die Metanien wahre Quellen für die Gesundheit des Leibes darstellen. Es muß uns doch alle nachdenklich stimmen, wenn in vielen Ländern dieser Erde Menschen an Hunger sterben, während im Norden und Westen der Erde die Fettsucht eine Volkskrankheit ist und Menschen an den Folgen ihres ungezügelten Essens sterben. So ist die Askese auch die einzige Antwort, die die wahren Christen auf die Herausforderungen der Konsumgesellschaft geben können, in der wir leben, jener „Diktatur ohne Diktator“, wie Andrea Ricardi, der Gründer der Gesellschaft San Egidio dies nennt.

Dies sind nur einige der Aspekte aus der reichen orthodoxen Frömmigkeit, die zu einer echten geistlichen Wiedergeburt des christlichen Lebens in allen Kirchen beitragen könnten, wenn sie nur besser wahrgenommen werden würde, wie ich bereits anfangs sagte. Das gilt natürlich für die Orthodoxe Kirche selbst, denn viele orthodoxe Gläubige ignorieren ihre eigene Tradition. Sie übernehmen viel zu schnell Lebensformen und Überzeugungen des Westens, weil diese als modern gelten, und lassen sich von der „Diktatur des Relativismus“ beherrschen, von der Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal Ratzinger zur Eröffnung des Konklaves zur Wahl des Nachfolgers des unvergessenen Papstes Johannes Pauls II. gesprochen und so eindringlich gewarnt hat.

Wenn das Christentum der westlichen Tradition eine Bereicherung durch die vielfältigen geistlichen und liturgischen Werte, Traditionen und Frömmigkeitspraktiken des Ostens erfahren könnte, dann kann gleichzeitig die Orthodoxie von vielen Werten der westlichen Frömmigkeit lernen und dadurch eine Bereicherung erfahren. Hier möchte ich vor allem das Engagement und die Implikation der Kirche in der Gesellschaft erwähnen, und zwar in Theorie und Praxis, in Wort und Tat. Der Dienst am Nächsten in der christlichen Diakonie gilt immer dem Herrn und Bruder Christus selbst, wie wir aus dem Gleichnis vom Weltgericht bei Matthäus 25 wissen.

Genauso wichtig wie die tätigen Werke der Nächstenliebe durch die Christen, die Gemeinden und die Kirche als ganze ist aber auch die kritische öffentliche Rede der Kirche zu aktuellen gesellschafts- und sozialpolitischen Fragen, Problemen und Herausforderungen. Hier können wir Orthodoxen von den Kirchen im Westen lernen, wie die Kirchen in der Tradition der Sozialkritik der Propheten des Alten Testaments sehr deutlich und hörbar ihre Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit und andere Mißstände der Zeit in Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Medien erheben. Hier in Deutschland sind diese gemeinsamen Worte der beiden großen Kirchen etwa zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit von größter für die Diskussion in Politik und Medien, Wissenschaft und Kultur. Sie, hoch verehrter Herr Bischof und Bruder Homeyer, zählen zu den wesentlichen Initiatoren dieser Gemeinsamen Sozialworte der Kirchen in Deutschland. Sie haben dafür Grundlagenarbeit geleistet und gehören zu den Vätern der kirchlichen Sozialworte in Deutschland. Auch die starke Betonung des missionarischen Charakters der Kirche in den westlichen Kirchen ist für uns ein wichtiger Impuls, sowohl was die innere Mission betrifft, als auch die äußere Mission. Auch der Geist und das Wissen um die Universalität der Kirche in der Katholischen Kirche ist für uns Orthodoxe ein entscheidender Gesichtspunkt, werden doch dadurch die Häresie des Philetismus sowie Tendenzen zum Nationalismus und zur Erhöhung des Nationalen über den Glauben überwunden.

Exzellenz,

hochwürdigster Bruder im bischöflichen Amt,

lieber Freund und Bruder Josef Homeyer,

mit diesen Ausführungen möchte ich mich einreihen in den Kreis derer, die Ihnen Alles Gute, Gesundheit und Gottes reichen Segen für Ihr weiteres Leben wünschen. Wir danken Gott dafür, dass er uns Sie geschenkt hat und für alles, was wir durch Sie empfangen haben. Gott segne Sie! Und: Ad multos annos!

Metropolit Serafim

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