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Worte des Metropoliten

Die Bedeutung und Praxis des Gebets in der Orthodoxen Kirche (Josefstal - 9.05.2012)

Vortrag gehalten am Internationalen Seminar über das Gebet und das Beten, Josefstal bei München, Bayern, 9. Mai 2012

Von der Orthodoxen Kirche ist bekannt, dass sie eine liturgische oder betende Kirche ist, weil sie glaubt, dass sich die erlösende Gnade, die der Welt durch das Kreuzesopfer und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus geschenkt wird, der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen wie auch jedem in die Kirche eingegliederten Gläubigen in erster Linie und vor allem durch das Gebet mitteilt. Das Gebet ist das intimste Handeln des gläubigen Menschen und auch der „Maßstab“ seines geistlichen Lebens. Es wird im Herzen verrichtet, wo sich wie in einem Fokus alle psychisch-physischen Kräfte des Menschen konzentrieren und wo die Taufgnade verborgen ist, die auf unsere Mitwirkung wartet, um sich gänzlich entfalten zu können. Das Gebet ist ohne Zweifel der höchste Ausdruck der Liebe zu Gott; so können wir sagen, dass wir Gott in dem Maße lieben, in dem wir beten. In einer orthodoxen Kirche ist alles – die Architektur, die Bemalung, die Ikonographie, der Vokalgesang, das an Symbolen reiche Ritual der Gottesdienste – so konzipiert, dass es eine Atmosphäre des Gebets schafft, dass es dem Gläubigen zur Verinnerlichung hilft, dass er also die Erfahrung seiner mystischen Vereinigung mit Gott machen kann.

Durch den Kultus der Kirche, also durch die Heiligen Sakramente und Gottesdienste wie auch durch die sieben Tagzeitengebete, die aus Gebeten sowie Lob-, Dank- und Bitthymnen zusammengesetzt sind, ist Christus der Herr in der Mitte der Gläubigen durch Sein Wort und Seine Wundertaten gegenwärtig, wie auch durch Sein Opfer und Seine Auferstehung, an der wir teilhaben, wenn wir die biblischen Lesungen hören und Leib und Blut Christi als Nahrung erhalten. Besonders das Ritual der eucharistischen Liturgie stellt uns Christus symbolisch in Seinen ganzen irdischen Leben vor. In der Liturgie werden wir zu Zeitgenossen Christi: wir hören auf Sein Wort in den biblischen Lesungen, wir versenken uns in Seine Betrachtung in den Ikonen, wir spüren Ihn im Wohlgeruch des Weihrauchs und sitzen mit Ihm zu Tisch, wenn wir uns mit Seinem Leib und Blut nähren wie die Apostel beim „Letzten Abendmahl“. Durch das Gebet der Kirche, das im „ständigen Gebet“ fortgesetzt wird, also in dem Gebet, das jederzeit und überall und so oft als möglich verrichtet wird, treten wir in eine lebendige Beziehung mit Christus und durch Ihn mit dem Vater und dem Heiligen Geist. So nehmen wir Anteil am Leben Gottes Selbst, der die vollendete Gemeinschaft der Liebe zwischen den drei göttlichen Personen ist. Die Frucht des Gebets ist die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes (vgl. Röm 5,5), die auch auf unsere Nächsten ausstrahlt. Der Gläubige, der aufrichtig, ernst und wahrhaftig betet, ist voller Liebe für seine Nächsten und für die ganze Schöpfung, die sich in seinem Herzen konzentriert.

Das Gebet ist seinerseits die erste Frucht oder der intimste Ausdruck des Glaubens als Gabe Gottes. Denn um beten zu können müssen wir zuerst an Gott glauben, wobei wir auch Fälle von Menschen kennen, die gerade dafür beten, dass Gott ihnen offenbart, dass Er existiert. Und Gott hat sich ihnen offenbart! Wie der Glaube, wird auch das Gebet von der Mehrheit der Menschen als ein universales Bedürfnis wahrgenommen. Das Gebet des heiligen Augustinus ist bekannt: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“ Das Gebet bedeutet also die Ruhe der Seele in Gott. Wenn dies so ist, dann fragen wir uns: Existiert ein Mensch, der nicht nach dem Frieden des Herzens und der Ruhe seiner Seele trachtet und verlangt?

Im Folgenden wollen wir versuchen, in einer Übersicht den Kultus der Orthodoxen Kirche und das Gebet des Einzelnen in der orthodoxen Praxis vorzustellen, sowie einige Hinweise zu geben bezüglich des Gebets in der geistlichen Tradition der Orthodoxie, die durch ihren mystischen und asketischen Charakter bekannt ist.

Der Kultus der Orthodoxen Kirche: die Heiligen Sakramente und die sieben Tagzeitengebete

Der öffentliche Kultus der Orthodoxen Kirche ist besonders reich an biblischen Lesungen, Gebeten und Hymnen, durch die Gott Lob und Dank dargebracht werden, aber auch Bitten zu verschiedenen Anlässen und zur Vergebung der Sünden. Der orthodoxe Glaube ist zu einem großen Teil monastischen Ursprungs und hat zugleich einen profund metanoischen (Buß)Charakter wie auch einen profund paschalen Charakter (der Auferstehung oder der Freude). Gewiss waren es die Mönche, die versucht haben, das evangelische Maximum zu leben nach dem Beispiel des armen, keuschen und bis zum Tode gehorsamen Christus selbst, wodurch sie selbst zu Beispielen für die Gläubigen wurden. Die Mönche zeichnen sich besonders durch das Gebet aus. Sie haben aus der Empfehlung des heiligen Apostels Paulus: „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thess. 5,17) ein Lebensprinzip geformt. Unter dem Einfluss des Mönchtums haben sich im Kultus der Kirche, neben den sieben Sakramenten mit dem Gottesdienst der Göttlichen Liturgie als Höhepunkt, die sieben Laudes oder Tagzeitengebete entwickelt, nach dem Wort des Psalmisten David: „Ich lobe Dich am Tage siebenmal um Deiner gerechten Ordnungen willen.“ (Ps. 119,164/orth. Zählung: Ps. 118,164).

Ich habe weiter oben gesagt, dass das Gebet im Kultus der Orthodoxen Kirche einen besonderen Reue- oder Bußcharakter hat, weil die Sünde eine besonders schmerzhafte universale Wirklichkeit ist, die Entfremdung, Entfernung und Trennung von Gott bedeutet. Das Bewusstsein der Sünde und das Gebet um die Vergebung lähmt den Gläubigen indes nicht, auch stürzt es ihn nicht in die Hoffnungslosigkeit, sondern weckt in ihm im Gegenteil neue Kräfte zum Kampf gegen die Sünde und für den Einsatz für das Vollbringen des Guten. Der Schmerz der Sünde wird von der Kraft des Glaubens durch die Auferstehung Christi in den Sieg verwandelt. „Durch das Kreuz ist Freude gekommen in die ganze Welt…“ singen wir an jedem Sonntag zur Feier der Auferstehung Christi. Die orthodoxe Spiritualität ist eine Spiritualität der Freude und der Auferstehung par excellence. Der heilige Serafim von Sarov († 1833), einer der größten Asketen in der gesamten Tradition der Orthodoxen Kirche, grüßte alle seine Gäste, die zu Tausenden zu ihm strömten, um ihn um geistlichen Rat und Fürbitte zu bitten, mit den Worten: „Meine Freude: Christus ist auferstanden!“

Die Heiligen Sakramente.

Auch wenn die Siebenzahl der Sakramente: Taufe, Myronsalbung, Eucharistie, Priesterweihe, Beichte, Trauung und Krankensalbung erst später in der Geschichte der Kirche unter scholastischem Einfluss fixiert wurde, anerkennt die Orthodoxe Kirche wie auch die Katholische Kirche diese sieben Sakramente als wichtigste kirchliche Handlungen, bei denen den Gläubigen für ihren Glauben die erlösende Gnade erteilt wird. Doch die Gnade wird nicht nur durch diese Sakramente erteilt, sondern auch durch andere Gottesdienste und Gebete der Kirche. Die Kirche ist selbst „das Sakrament der Sakramente“ oder die Quelle der Sakramente. Doch was ist die Kirche und wann äußert sie sich? – Die Kirche ist sichtbar als Gemeinschaft der Gläubigen, die sich zum Gebet versammelt, um die Eucharistie und die anderen Sakramente zu feiern. Sie ist unsichtbar als „Leib Christi“ (Eph. 1,22-23; Kol. 1,24), in Dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ (Kol. 2,9). Dies bedeutet, dass die Glieder der Kirche eine Einheit formen und einen lebendigen Organismus bilden, der dem menschlichen Leib ähnelt. Aber der „Leib Christi“ ist auch die Eucharistie, denn das eucharistische Brot und der eucharistische Wein werden durch das Gebet der Gemeinschaft zum Leib und Blut Christi, die Gläubigen wiederum werden wahrhaft zum Leib Christi oder zur Kirche Christi. Ohne Eucharistie kann sich die Kirche nicht als Leib Christi konstituieren, sondern bleibt nur irgendeine menschliche Versammlung. Der heilige Apostel Paulus sagt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“ (1. Kor. 12,27) Auch sagt er: „Ein Brot ist’s: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.“ (1. Kor. 10,17)

Indem sie sich mit der Kirche selbst identifiziert, ist die Eucharistie die Quelle aller Sakramente. Deshalb werden auch alle Sakramente in Verbindung mit der Eucharistie vollzogen. Die Gläubigen sind aufgerufen, aktiv durch das gemeinsame Mitsingen bei allen eucharistischen Sonntagsgottesdiensten mitzuwirken und Leib und Blut des Herrn zu empfangen. Die Feier des Sonntags als „Tag des Herrn“ und „Tag der Auferstehung“ geschieht vor allem durch die Teilnahme am „Mahl des Herrn“. Nach den Kanones der Orthodoxen Kirche fällt der Gläubige, der an drei Sonntagen hintereinander ohne einen nachvollziehbaren Verhinderungsgrund an der Göttlichen Liturgie fehlt, in geistliche Gleichgültigkeit, da ihm die stärkende Gnade der heiligen Sakramente fehlt. Das „hochzeitliche Gewand“ (Matth. 22,11), mit dem wir am Mahl des Herrn teilnehmen sollen, bedeutet die Versöhnung mit denen, die sich an uns versündigt haben, gesteigertes Gebet, eheliche Enthaltsamkeit (vgl. 1. Kor. 7,5), das eucharistische Fasten… Wenn schwere Sünden – „Todsünden“ (1. Joh. 5,16) – begangen werden, dann ist der Gläubige verpflichtet, sein Gewissen im Sakrament der Beichte zu reinigen vor dem Empfang der heiligen Sakramente. Bei der Beichte wird häufig einen Bußkanon (Epitimie), abhängig von den begangenen Sünden, vom Priester auferlegt. Diese Auflage, die aus Gebeten, Fasten, Werken der Barmherzigkeit und anderem besteht, wird nicht als Strafe verstanden, sondern ganz im Gegenteil als Mittel zur Besserung.

Neben dem drastischen Schwund der Gläubigen an der Sonntagsliturgie ist ein anderes großes Problem, mit dem besonders unsere Rumänische Orthodoxe Kirche konfrontiert ist, der seltene Empfang der Eucharistie unter den Christen, die regelmäßig an der Göttlichen Liturgie teilnehmen. Dies ist ein Überbleibsel einer sehr alten Praxis, die den Empfang des Altarsakraments nur vier Mal im Jahr empfiehlt (in den vier großen Fastenzeiten) und auf eine übertriebene Weise, die Kommunion an die Beichte und das mehrtägige Fasten bindet. So fühlen sich die Gläubigen aus Demut gegenüber den heiligen Sakramenten als unwürdig, zu oft die Kommunion an Leib und Blut Christi zu empfangen.

Die kirchlichen Tagzeitengebete/„Laudes“.

Wie der Name schon besagt, sind die Laudes Gottesdienste, die Gott für Seine Wohltaten loben, die Er unaufhörlich über den Menschen und die Schöpfung ergehen lässt. Die sieben Laudes sind als Gebete zur Segnung der Zeit konzipiert, die gerade durch das Lob Gottes durch den Menschen als Krone der Schöpfung geheiligt wird. Im westlichen Sprachgebrauch werden diese Laudes als „Tagzeitengebete“ bezeichnet, weil sie an bestimmte Stunden des Tages gebunden sind. Die alte Tradition der Kirche sieht in jedem liturgischen Tag eine Ikone der Ewigkeit, beginnend mit der Erschaffung der Welt und des Menschen über den Sündenfall und die Erlösung durch die Inkarnation, Leiden, Tod und Auferstehung des Sohnes Gottes, unseres Herrn Jesus Christus, bis zum Weltende mit dem Jüngsten Gericht und dem ewigen Leben im Reich Gottes.

Alle diese großen Ereignisse im Leben der Menschheit werden „aktualisiert“ im Gebet der sieben Laudes, die im Prinzip aus Psalmen und anderen biblischen Lesungen zusammengesetzt sind, aber auch aus Gebeten zur Verehrung der Heiligen, derer wir am jeweiligen Tag gedenken und die wir ehren. Denn Gott,der Herr, wird verherrlicht in Seinen Heiligen, die Er selbst verherrlicht mit der Gabe der Heiligung. „Wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen!“, ruft der Psalmist David (Ps. 69,36/orthodoxe Zählung Ps. 68,36). Diese Laudes-Gebete heiligen also die Zeiten des Tages und bereiten den Gläubigen für die eucharistische Liturgie vor, die als Reich Gottes auf Erden erlebt wird. Die sieben Tagzeitengebete sind folgende: die Vesper (rum. Vecernie, Abendgebet), die Komplet (Pavecerniţa, Gebet nach dem Mahl), das Mitternachtsgebet (Miezonoptica), die Matutin (Utrenia, Morgengebet) sowie die Stunden (/Ceasuri): 1. Sunde (6 Uhr zum Tagesbeginn), 3. Stunde (9 Uhr zur Erinnerung an das Herabkommen des Heiligen Geistes auf die Apostel), 6. Stunde (12 Uhr zur Erinnerung an die Kreuzigung des Herrn) und die 9. Stunde (15 Uhr zur Erinnerung an die Todesstunde Jesu am Kreuz). Diese Laudes werden regelmäßig in den Klöstern gefeiert, während in den Pfarreien nur die Vesper und die Matutin gefeiert werden, die die eucharistische Liturgie vorbereiten.

Das persönliche Gebet und einige Empfehlungen, wie wir beten sollen

Kein Gläubiger kann sagen: ich brauche die Kirche nicht – Gott ist überall, also kann ich überall beten. Dies ist ein individualistisches, egoistisches Denken, das ignoriert, dass Gott Selbst eine Gemeinschaft von Personen ist und der Mensch sich nur in der Gemeinschaft mit seinen Nächsten verwirklichen kann. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft liegt im Wesen des Menschen selbst begründet, der nach dem Abbild Gottes geschaffen ist. Wir können uns nur in dem Maße als Personen nach dem Bild der göttlichen Personen verwirklichen, in dem wir uns gegenüber unseren Nächsten öffnen und allmählich eins mit ihnen werden. Die Kirche ist nun gerade der Ort, in dem wir durch das gemeinsame Gebet und gemeinsamen eifrigen Dienst für die Menschen, die Hilfe benötigen, die Gemeinschaft mit unseren Nächsten einüben sowie die Liebe, die uns alle eint. Nur in der Kirche und durch die Kirche können wir den Egoismus in uns überwinden, der der höchste Ausdruck der Sünde ist. Der große rumänische Theologe Dumitru Stăniloae (1903-1993) nennt die Kirche „das Labor der Auferstehung“. In der Kirche erleben wir durch die heiligen Sakramente und durch das gemeinsame Gebet fortwährend unsere Auferstehung und überwinden den Egoismus, der uns alle in uns selbst einschließt und zum geistlichen Tode vor dem physischen Tod führt.

Das persönliche Gebet wird vom Gebet der Kirchen inspiriert und getragen; es ist die Fortsetzung des Gebets der Kirche und kann an jedem Ort und jederzeit verrichtet werden. Wichtig ist, dass wir so oft und so gut wie möglich beten. In diesem Sinne empfahlen die ersten Mönche das häufige Wiederholen mit der notwendigen Aufmerksamkeit einiger kurzer Verse der Heiligen Schrift, besonders aus den Psalmen, damit der Verstand immerzu mit dem Beten beschäftigt sei. Mit der Zeit wurde aus diesem „immerwährenden Gebet“ das sogenannte „Jesusgebet“ mit den Worten: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich Sünder“, das auch biblisch inspiriert ist (vgl. Mk. 10,47). Hier müssen wir unterstreichen, dass die geistliche Tradition der Orthodoxie keine unterschiedliche Spiritualität des Mönchtums und der Laien kennt. Mönche wie Laien sind gleichermaßen aufgerufen, nach denselben geistlichen Höhepunkten zu streben, die in der Sprache der Bibel als Vollendung oder Gleichwerden mit Gott bezeichnet werden. Wenn Christus sagt: „Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt. 5,48), richtet Er Sich an alle Menschen unabhängig von ihrer Position in der Gesellschaft oder in der Kirche.

Auch wenn die Lebensformen von Mönchen und Laien sich unterscheiden, so ist doch das Ziel dasselbe. Genauso verhält es sich auch mit dem Gebet. Laienchristen wie Mönche sind aufgerufen zum „unablässigen Gebet“ (vgl. 1. Thess. 5,17). Dies heißt nun nicht, dass wir nicht mehr arbeiten sollen, sondern dass wir aus jedem Handeln ein Gebet machen. „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch Ihn.“ (Kol. 3,17) Im Rumänien der Nachkriegszeit haben einige Mönche des Klosters Antim in Bukarest den Gebetskreis „Brennender Dornbusch“ („Rugul aprins“) gegründet (unter Anspielung auf den Dornbusch am Sinai, der entflammte, ohne zu verbrennen; vgl. Ex. 3,2-5). Dieser Kreis hatte sich vorgenommen, die hesychastische Spiritualität besonders unter Intellektuellen zu verbreiten, mit dem besonderen Schwerpunkt auf dem unablässigen Gebet. Die Ergebnisse waren überwältigend. Viele Intellektuelle, die in der Gesellschaft engagiert waren, sind dadurch zum unablässigen Gebet gekommen, d. h. zum Zustand jenes Gebetes, das ein Gebet jenseits aller Worte ist. Leider wurde nach der kommunistischen Machtergreifung dieser Gebetskreis verboten und seine Mitglieder wurden inhaftiert.

Sicher kommen wir nicht leicht zum unablässigen Gebet oder zu diesem Zustand des Gebetes; dieser Zustand ist letztlich eine Gabe Gottes. Trotzdem ist das Bemühen des Gläubigen darum absolut notwendig. Die Väter mit Erfahrung in der Praxis des Gebets lehren uns, morgens und abends sowie vor und nach dem Essen jene Gebete zu beten, die wir in jedem Gebetbuch finden, während wir in der restlichen Zeit, auf der Arbeit, auf Reisen, überall und jederzeit versuchen sollen, in Gedanken so oft als möglich kurze Gebete zu verrichten, zum Beispiel: „Herr, erbarme dich“, „Herr, hilf mir“, „Herr, eile mir zu helfen“ oder „Herr, verlass mich nicht wegen meiner Sünden“, oder aber das Jesusgebet zu beten: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich... Und sie empfehlen uns die Heilige Schrift zu lesen, besonders die Psalmen (das Buch enthält 150 Psalmen, aufgeteilt in 20 „Kathismen“ als  Bußgebete) und das Neue Testament.

Entscheidend ist beim Gebet, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die gesprochenen oder gedachten Worte konzentrieren, damit unser Verstand sich nicht anderweitig zerstreut, sondern dass er in das Herz „hinabsteigt“. Jedes Gebet muss darauf abzielen, zu einem Gebet des Herzens zu werden, also das Herz zu ergreifen, denn im Herzen konzentriert sich unser ganzes Wesen. Tatsächlich erneuern sich alle physischen und psychischen Kräfte, die auch Energien sind und das menschliche Wesen durchdringen, im Herzen. Der Verstand selbst ist eine Energie des Herzens. Er kann sich nicht beruhigen oder zur Ruhe kommen, wenn er nicht ins Herz „hinabsteigt“, wo sein ureigenster Ort ist. Auch die Gnade des Heiligen Geistes aus der Taufe wohnt im Herzen. Ein Gebet, das auf der Ebene des Verstandes (des Gehirns) stehenbleibt, ohne das Herz zu ergreifen, bleibt ein ausschließlich rationales, trockenes, steriles Gebet. Ein solches Gebet bringt keine Freude und keinen Frieden in die Seele, sondern weckt vielmehr Müdigkeit und Langeweile. Denn unser Verstand muss ins Herz hinabsteigen und gleichzeitig das Gebet; wir müssen mit großer Aufmerksamkeit, mit Frömmigkeit und Demut beten und dabei immer auch unseren Zustand als Sünder wahrnehmen. Wir müssen auch darum beten, dass Gott Selbst uns die Gabe des Gebetes schenkt. Denn das wahre Gebet ist eine Gabe Gottes.

Wenn wir recht beten oder mit einem „reinen Gebet“, das von fremden Gedanken unberührt ist, wie auch mit der notwendigen Hingabe, dann spüren wir im Herzen die Wärme der Gnade, die sich in der Brust und im ganzen Leib ausbreitet. Sie äußert sich als Liebe zu allen Menschen und der ganzen Schöpfung, die wir als unsere eigenen Glieder wahrnehmen. Dies ist das Zeichen der Wiederauffindung der ontologischen Einheit der gesamten Schöpfung, die sich wie in einem Fokus in unserem Herzen konzentrieren. Nur in der vollendeten Einheit mit allen Menschen und der gesamten Schöpfung verwirklichen wir uns als Personen nach dem Bild der göttlichen Personen. Sonst bleiben wir im Zustand egoistischer Individuen, die nur an sich selber denken, nur das eigene Interesse verfolgen und die anderen ignorieren oder sogar zu ihrem Schaden handeln. Es ist verständlich, dass in einem solchen Zustand der Mensch nie Ruhe für seine Seele findet. Er wird immer undankbar sein mit dem, was er hat, wie auch mit seinen Nächsten, in denen er häufig Feinde sieht bzw. die er verantwortlich macht für seine eigenen Misserfolge.

Nun fragen wir uns freilich, warum wir so schwer zu diesem „reinen Gebet“ kommen, das uns den Frieden des Herzens schenkt? Weil wir tief geprägt sind vom Sündenfall, der unaufhörlich in uns die innere Einheit unseres Wesens spaltet. Unser Herz wird fortwährend bestürmt von wesensfremden Gedanken und Wünschen, die seine Einheit zerstören. Vergessen wir nicht, dass die Sünde und die Leidenschaft (die wiederholte Sünde, die zur schlechten Gewohnheit oder zum Laster wird) keine natürlichen Verhaltensweisen sind, also nicht zu unserer von Gott geschaffenen Natur zählen. Ganz im Gegenteil ist die Sünde das Unnatürlichste und Irrationalste, was es gibt. Doch wir sind schon so sehr an die Sünde gewöhnt, dass wir uns oft keine Rechenschaft darüber geben, was zu unserem Wesen gehört und was uns zerstört. Die Sünde tut hier ihr Werk. Sie ist wie eine Karies, die ständig an der Einheit unseres inneren Wesens nagt und es allmählich schafft, uns zu zerstören.

Das Gebet wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung. Es stellt mithiIfe der Gnade die Einheit unseres Wesens wieder her, das sich im Herzen konzentriert. Dieses Wirken ist jedoch genau deshalb äußerst mühsam, weil sich unser Verstand so leicht über den Dingen der Welt zerstreut. „Des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben“ (1. Joh. 2,16) üben auf den Verstand eine so große Anziehungskraft aus, dass dieser sich nicht gut auf das Gebet konzentrieren kann bzw. nach dem Gebet sich sofort wieder weltlichen Dingen zuwendet. Wahrhaftig zu beten bedeutet eine große Askese, eine fortwährende Anstrengung, bis sich der Verstand allmählich von den äußerlichen Dingen abwendet und von seiner Zerstreuung ablässt, um sich auf den Akt des Gebetes zu konzentrieren. Doch wir dürfen nicht darauf verzichten zu beten, auch dann nicht, wenn wir die schmerzhafte Erfahrung machen, dass unser Geist sich während des Gebetes zerstreut. Wenn wir regelmäßig und so oft als möglich beten, wird sich unser Geist an das Gebet gewöhnen und immer mehr auf das achten, was er tut. Das Gebet wird so an Qualität gewinnen und wird ein reines, von fremden Gedanken ungetrübtes Gebet. Es wird dann gleichzeitig mit dem Verstand in unser Herz hinabsteigen und an der Erneuerung unserer inneren Einheit arbeiten.

Damit der Verstand so rein als möglich beten kann, also mit im Herzen konzentrierter Aufmerksamkeit, sind bestimmte Bedingungen notwendig. Der Erlöser sagt uns: „Wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen.“ (Markus 11,25) Desweiteren lehrt Er uns: „Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Mt. 6,6) Auch sagt Er: „Alles was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteilwerden.“ (Mk. 11,24) Wir müssen also in dem Bewusstsein beten, dass Gott unser Gebet erhört, auch wenn Er es nicht so erfüllt, wie wir dies wünschen. Kein mit Glauben und in Demut verrichtetes Gebet wird vergeblich verrichtet. Danach müssen wir unseren Nächsten vergeben, die an uns schuldig geworden sind, weil die Erinnerung an Böses negative Energien in uns weckt, die uns daran hindern, dass wir rein beten. Auch können wir nicht im Zustand von Stress oder zu großer Müdigkeit beten, weil wir dann nicht in das Innere unseres Herzens eintreten können. Das Gebet verlangt sowohl nach äußerer, wie nach innerer Ruhe.

Neben diesen Bedingungen insistieren die großen Geistlichen auch auf der Bedeutung des Fastens und anderer asketischer Praktiken, die die Praxis des Gebets begünstigen. Eine asketische Maxime besagt, dass niemand mit vollem Magen beten kann und der Heilige Geist nicht in jemand wohnt, der leibliche Genüsse sucht. Je mehr wir uns beim Essen und Trinken zurückhalten, umso leichter dringt der Verstand in unser Herz ein. Zügellosigkeit beim Essen und Trinken lenkt unseren Verstand zu den Sinnenfreuden hin und löst körperliche Begierden aus. In diesem Sinne empfiehlt die orthodoxe Tradition das Fasten an allen Mittwochen und Freitagen im Jahr, wie auch zu den vier Fastenzeiten: der Großen Fastenzeit vor Ostern (sieben Wochen), dem Fasten vor Weihnachten (sechs Wochen), dem Apostelfasten (zwei bis drei Wochen) und dem Fasten vor dem Fest „Entschlafen der Gottesmutter“ (zwei Wochen).

Das Fasten kann totales Fasten sein (Karfreitag und Karsamstag, Vorabend des Christfestes) oder ein partielles Fasten, wenn wir vegan essen (Gemüse und Früchte). Die Proskynesen (das Niederknien und die Berührung des Bodens mit der Stirn unter Bekreuzigen) oder die Kleine Verneigung (Verbeugung  und Berührung des Bodens mit der rechten Hand und Bekreuzigung)  begleitet vom „Jesusgebet“ oder andere kurze Gebete sind ebenfalls Praktiken, die das Gebet fördern und in uns Demut bewirken. Die Mönche sind aufgerufen, 300 Proskynesen und 1000 Verneigungen täglich zu vollziehen. Wir müssen hier ergänzen, dass weder das Fasten noch die anderen von der orthodoxen Tradition empfohlenen asketischen Praktiken auf das Abtöten des Leibes abzielen, sondern auf den Tod der Sünde und der Leidenschaften, die durch den Leib wirken. Die Askese ist ein großer Segen für die Gesundheit des Leibes. Nur diejenigen, die es praktizieren, werden sich dieser großen Wahrheit bewusst!    

Übersetzung: Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, Selb-Erkersreuth

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