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Worte des Metropoliten

Der Mensch und die Schöpfung (Sigmaringen, 6.09.2013)

Sigmaringen, den 6. September 2013

Das Thema Schöpfung und Umweltschutz bewegt heute die ganze Menschheit, erleben wir doch seit geraumer Zeit eine beispiellose Zerstörung der Natur, welche bereits die Existenz der Menschheit selbst bedroht. Die Aussicht auf die drohende unwiederbringliche Zerstörung der natürlichen Ressourcen kann niemand gleichgültig lassen. Als Christen sind wir keine Fatalisten: die Welt ist nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, sondern sie ist beseelt von ihrem Schöpfer und markiert vom Zeichen des Kreuzes – dem Kreuz des Schmerzes und dem Kreuz der Freude. Vor allem wir Christen sind verantwortlich für die Zerstörung der Umwelt, denn die erbarmungslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ist in erster Linie das Werk der Industrieländer, die mehrheitlich christlich sind.

I. Das Seufzen der Schöpfung

Zwischen dem Menschen und der Schöpfung besteht eine ontologische Verbindung in dem Sinne, dass der Mensch die ganze Schöpfung in sich trägt. Der Mensch, so sagen die Kirchenväter, ist ein Mikrokosmos, ein Kosmos im Kleinen; er rekapituliert in sich die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung. Alles lebt in unserem Herzen: die Menschen, die Tiere, die Mineralien… Nur die Sünde versteinert unser Herz so sehr, dass wir diese wunderbare Einheit nicht mehr spüren! In diesem Sinne sagt der heilige Apostel Paulus, dass auch die Schöpfung seufzt und Schmerzen hat und sich gemeinsam mit dem Menschen nach der Kindschaft und Erlösung von  der Sünde sehnt (vgl. Röm. 8,22-23).

Die Sünde des Menschen, also seine unstillbare Begierde, ist der Hauptgrund seines Leidens, des Leidens seiner Nächsten in der Menschheit und des Leidens der gesamten Schöpfung. Im Konsumismus drückt sich die Liebe nach dem egoistischen Vergnügen aus, das die anderen Menschen und auch die Schöpfung dem eigenen Vorteil und Lustgewinn opfert. Das egoistische Vergnügen verwandelt die anderen Menschen in Lustobjekte, Machtobjekte und Profitobjekte, die Schöpfung wiederum wird degradiert zur Beute der Befriedigung eigener Bedürfnisse. Und Menschen ohne Glauben entwickeln unablässig neue und größere Bedürfnisse.

Für den in seinem Glauben verwurzelten Menschen freilich sind der Nächste, die Mitgeschöpfe und die Schöpfung selbst nicht „Dinge“ oder „Objekte“, die ohne jeden Respekt und rücksichtslos ausgebeutet werden können. Nach unserem christlichen Glauben hat der Mensch in der Mitte der Schöpfung von seinem Schöpfer eine dreifache Würde erhalten: die königliche, die prophetische und die priesterliche.

1. Die königliche Würde macht den Menschen verantwortlich vor Gott und seinen Geschöpfen. Adam erhielt die Vollmacht, über die ganze Erde zu herrschen, also über die ganze Schöpfung, und auch die Weisheit, allen lebenden Geschöpfen, die ihm unterworfen sind, Namen zu geben (vgl. Gen. 1,28; 2,19-20). Diese Königswürde bedeutet freilich keine despotische Herrschaft, sondern ganz im Gegenteil Fürsorge für die ganze Schöpfung. Der heilige Johannes Chrysostomos († 407) sagt, wenn er von Christus als dem Neuen Adam spricht, der das Leiden und den Tod freiwillig auf sich genommen hat, um die Menschen zu erlösen: „Das Werk des Königs ist es nicht, über seine Untergebenen zu herrschen, sondern sich für sie zu opfern.“ Der Mensch ist also ein Kustos der Schöpfung, ihr Wächter. Ja mehr noch: indem er mit schöpferischer Kraft ausgestattet ist, hat der Mensch auch die Pflicht, die Schöpfung mit seinen eigenen Erzeugnissen zu schmücken. Was Gott im Himmel ist, ist der Mensch auf Erden. „Wie im Himmel, so auf Erden“, sprechen wir im Herrengebet.

2. Die bei der Schöpfung geschenkte prophetische Würde des Menschen besteht in der Weisheit, Gott und Seinen Willen mit Blick auf sich selbst und die Schöpfung zu erkennen. Der Wille Gottes offenbart und erschließt sich dem Menschen in dem Maße, in dem der Mensch selbst durch das Gebet und das Befolgen der Gebote Gottes in einer Beziehung zu Gott bleibt. Er gibt sich dann immer mehr Rechenschaft darüber, dass wir „in Ihm leben, uns bewegen und sind“ (Apg. 17,28). Gleichzeitig schreitet der Mensch in der Erkenntnis der „göttlichen Sinngehalte“ der Geschöpfe voran. Jedes Geschöpf hat einen Sinngehalt, einen Sinn seiner Existenz, und dient zu etwas. Nichts existiert aus Zufall! Nichts ist vergeblich, nichts ohne Sinn. Die ganze Schöpfung mit dem Menschen an der Spitze ist von göttlichen Sinngehalten durchdrungen. Denn der göttliche Logos ist in allem gegenwärtig! Und unsere Pflicht ist es, von unserem Verstand Gebrauch zu machen, der uns geschenkt wurde, um all diese Geheimnisse Gottes zu entdecken, die sich in jedem Geschöpf und in jeder Existenz verbergen. Dann ist der Mensch wahrhaftig ein Prophet der Schöpfung.

3. Als Priester der Schöpfung ist der Mensch gerufen, die Schöpfung und sich selbst Gott darzubringen, der allem, was existiert, das Leben schenkt. Das Leben erneuert und vermehrt sich stets nur weiter, wenn es sich nicht in sich selbst verschließt, sondern sich unablässig darbietet. Der Fluss des Lebens strömt ohne Unterbrechung von Gott zum Menschen und wieder vom Menschen zu Gott und schließt dabei die Schöpfung mit ein. Der Egoismus hingegen führt allmählich zum Tode: zunächst zum geistlichen Tod, dann zum körperlichen Tod, weil er den Menschen in sich selbst verschließt und ihn daran hindert, sich Gott und seinen Nächsten darzubringen, um dadurch immer wieder das eigene Leben zu erneuern. In der Eucharistie bringen wir Gott grundlegende Elemente dar, die unser irdisches Leben erhalten: Brot und Wein; und wir erhalten Sein göttliches Leben geschenkt, das uns wirklich lebendig macht. Aber wir bringen uns dabei auch selbst und uns gegenseitig und unser ganzes Leben zusammen mit allen anderen Geschöpfen, mit denen wir ontologisch verbunden sind, Gott dar. In einer Ektenie, die wie ein Leitmotiv alle Gottesdienste unserer Orthodoxen Kirche durchzieht, werden wir dazu aufgerufen: „Schenken wir uns gegenseitig und unser ganzes Leben Gott!“

Durch die Taufe hat Christus alle drei Formen der Würde in uns erneuert: die königliche, die prophetische und die priesterliche Würde, die wir bei der Schöpfung empfangen haben, die aber durch die Sünde der ersten Menschen Adam und Eva denaturiert wurden, deren zur Sünde neigendes Wesen wir durch die Geburt erben (Ps. 50,6). Trotzdem erneuert uns die Taufgnade nicht, wenn wir nicht selbst an ihrem Wirken durch Glauben und Askese teilhaben. Denn in allem sind wir Gottes Mitarbeiter (vgl. 1. Kor. 3,9). Nur durch Glauben und Askese seitens des Menschen kann die Gnade in ihm die leidenschaftlichen Begierden überwinden, die den „alten Adam“ unterhalten, und macht ihn wirklich zum König, Propheten und Priester. Alle drei großen christlichen Konfessionen lehren, dass das christliche Leben eine ständige Aktualisierung der Taufe ist durch das Zusammenwirken mit der Gnade, die sich in unserem Herzen verbirgt.

II. Die Askese als Mittel zur Überwindung der Leidenschaften

Diese grundlegenden Wirklichkeiten des Lebens des Menschen in seinem Verhältnis zu Gott und zur Schöpfung werden allesamt ignoriert, wenn wir keinen lebendigen Glauben haben, der uns konstant dazu anhält, aus freien Stücken Askese zu üben beim Essen und Trinken, auch bei der Kleidung und überhaupt bei der Jagd nach irdischem Vergnügen und Lustgewinn. Die Askese soll zu unserer inneren Läuterung beitragen. Und sie hat gleichzeitig direkte Auswirkungen auf die Umwelt als Schöpfung. Die Askese des Gebets, des Fastens, des Kampfes gegen die Leidenschaften zum Erlangen der Tugenden…, diese von der Gnade der Heiligen Sakramente unterstützte Askese vertieft in uns das Bewusstsein der ontologischen Einheit der ganzen Menschheit und der ganzen Schöpfung, die sich in unserem Herzen wie in einem Fokus konzentrieren. Die Veränderung unserer Haltung zur Schöpfung beginnt also mit der Veränderung unseres Herzens mit Hilfe der Askese.

Die orthodoxe Spiritualität ist eine Spiritualität der Askese par excellence. Wir sind überzeugt, dass der christliche Glaube den Menschen in seiner komplexen und ungeteilten Wirklichkeit von Geist, Seele und Leib verwandeln und heiligen muss. Der heilige Apostel Paulus sagt: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ (1. Thessalonicher 5,23) Dies ist unmöglich ohne eine umfassende Askese, die alle drei Komponenten der menschlichen Natur in ihrer Einheit umfasst. (* Der Geist des Menschen ist der höchste Teil der Seele, der „Gipfel der Seele“, der aus ihr ein geistliches Sein macht, das zur Gemeinschaft mit Gott fähig ist. Besonders durch seinen Geist wird der Mensch Gott ähnlich, der Selbst Geist ist. Der Geist Gottes, der Heilige Geist, animiert und unterhält in uns sowohl das biologische wie auch das geistliche Leben. Daher sagt uns der heilige Apostel Paulus: „Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.“ (Epheser 4,30) Sonst wird uns der Heilige Geist verlassen und wir werden nur „Fleisch“ sein (vgl. Genesis 6,3), weil wir dann den Geist und die Seele im Leib ertränken und uns nur um unseren Leib und die materielle Welt kümmern und die geistige Welt vergessen.)

Ich habe schon die Askese des Gebets, des Fastens und des Kampfes gegen die Leidenschaften erwähnt. Die Leidenschaften zerstören in uns den Geist, die Seele und den Leib. Was bedeutet nun diese Askese des Gebets? Schon jeden Tag Zeit zum Gebet zu finden und jeden Sonntag an der Göttlichen Liturgie teilzunehmen bedeutet eine Askese. Eine noch größere Askese bedeutet die Anstrengung, uns beim Gebet zu konzentrieren, damit unser Geist sich nicht in der Zeit des Gebets zerstreut, sondern in unser Herz „hinabsteigt“, damit das Gebet allmählich zu einem „Gebet des Herzens“ wird. Nur wenn wir „mit dem Verstand im Herzen“ beten, ergreift das Gebet unser ganzes Wesen und heiligt es. Nur dann werden wir wahrhaftig die Freude des Gebets spüren. Und dies weil unser Herz die Mitte des menschlichen Wesens ist, wo sich alle unsere psychischen und physischen Kräfte des Menschen wie in einem Fokus konzentrieren – die auch Energien sind, die unser Wesen durchstrahlen –, und wo sich die Taufgnade verbirgt. Ein solches Gebet bringt uns allmählich dazu, „unser Herz zu spüren, was bedeutet, Gott zu spüren“ (Hl. Diadoch von Photike, 6. Jh.). Eine geistliche und physische Wärme umfasst dann unser Herz, unsere Brust und unseren ganzen Leib. Das Herz wird dann erfüllt von Mitleid für alle Menschen, für die Tiere und Pflanzen, für alles, was existiert. So erleben wir auf eine ganz wirkliche Weise unsere ontologische Einheit mit der ganzen Schöpfung, werden eins mit allen und allem, was existiert. Dann sind wir nicht mehr in der Lage, irgendeinem Geschöpf Böses zu tun. Sondern wir leiden dann im Gegenteil mit allen, die leiden, und mit der ganzen Schöpfung, die nach Erlösung seufzt und die Befreiung von der Sünde des Menschen erwartet, die sie aus Habgier missbraucht und zerstört. Daher müssen wir viel beten, ja unablässig beten, wie der heilige Apostel Paulus empfiehlt (1. Thessalonicher 5,17).

Das Fasten unterstützt das Gebet, hilft dem Verstand, ins Herz hinabzusteigen und die sündhaften Begierden zu zügeln, die den Menschen zerstören. „Mit vollem Magen kann niemand beten“, besagt eine asketische Maxime. Denn ein voller Magen zieht die Sinne an und löst irdische Begierden auf. Dann wird das Gebet unmöglich. Eine andere asketische Maxime besagt, „dass der Heilige Geist nicht in einem vollen Bauch wohnen kann“. Die alte Tradition der Kirche empfiehlt das Fasten an zwei Tagen der Woche, am Mittwoch und am Freitag, als den Tagen, an denen Judas unseren Erlöser Jesus Christus verraten hat und Jesus für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben ist. Die alte Tradition der Kirche kennt außerdem vier große Fastenzeiten im Jahr: das Fasten vor Ostern (sieben Wochen), vor Weihnachten (sechs Wochen), das Fasten vor dem Fest der Apostel Petrus und Paulus (eine bis drei Wochen) und das Fasten vor dem Entschlafen der Gottesmutter (zwei Wochen).

Die Praxis des Fastens bestätigt, dass es ein großer Segen ist sowohl für die Seele, als auch für den Leib. Es ist interessant, dass aktuelle medizinische Studien dem Menschen heute ebenfalls zwei Tage Heilfasten pro Woche empfehlen, auch wenn die Tage nicht als Mittwoch und Freitag spezifiziert werden wie beim christlichen Fasten. An diesen Tagen sollen sich die Menschen mindestens 15-20 Stunden jeder Nahrung und jedes Getränks enthalten. Das ist genau die alte Praxis der Kirche, die die Muslime im Fastenmonat Ramadan übernommen haben. Nur wir Christen haben das schon lange vergessen! Das Fasten ist also auch eine Quelle der Gesundheit für Leib und Seele. Die Selbstzügelung beim Essen und Trinken verleiht dem Menschen die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, zu einem in allem maßvollen Leben, zum Respekt gegenüber den anderen Menschen und zum Respekt gegenüber der Umwelt.

Das Gebet und das Fasten sind unsere zwei Waffen zum Vertreiben der Dämonen, die uns in verschiedene Richtungen von Gott weg lenken und die Herrschaft über uns gewinnen wollen. Der Stolz, die Liebe zum Reichtum, die Völlerei, die Trunksucht, die Zügellosigkeit, die Streitsucht, der Hass und andere Haltungen dieser Art sind Leidenschaften, die den geistlich armen Menschen beherrschen, sie machen ihn leicht erregbar und  undankbar mit seinem Leben und Zustand und im Blick auf das, was er hat… All diese Dämonen können nur durch Gebet und Fasten vertrieben werden (vgl. Matthäus 17, 2).

Gleichzeitig sind das Gebet und das Fasten Quellen der Kraft und der Hoffnung beim Tragen des alltäglichen Kreuzes. Niemand kommt um Bürden und Leiden des Lebens herum, sie können nur im Gebet und in der Selbstzügelung ertragen werden. Wichtig ist dabei, dass wir einsehen, dass diese nur Konsequenzen aus unseren Sünden sind und nicht eine Strafe Gottes. Er lässt diese zu im Blick auf unsere Freiheit, damit wir durch diese zur Reue finden, also zu Ihm umkehren, und damit wir diese mit Seiner Hilfe überwinden. Gott hat weder das Leid, noch den Tod erschaffen; diese sind Konsequenzen aus der Sünde, die wir nur mit Seiner Hilfe überwinden können durch unseren Glauben im Gebet und in der Askese.

Der von Leidenschaften gereinigte Mensch, der Herr ist über sich selbst und über die Schöpfung Gottes, kann nicht passiv und gleichgültig bleiben gegenüber dem Leiden seiner Nächsten und der Mitgeschöpfe, sondern er impliziert sich mit allen Mitteln in deren Leben, auch auf politischer Ebene, um das Leiden zu lindern und die Schöpfung vor der Zerstörung zu bewahren.

 

 

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