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Predigt gehalten von Metropoliten Serafim am ökumenischen Vesper zum Anlass der Konferenz „Seelsorge an alten Menschen im Bistum Sălaj und bei Diakoneo”, Neuendettelsau, den 8. Oktober 2019

 

Liebe Brüder und Schwester in Christus,

Ich möchte zuerst unterstreichen, dass dieser Text, den wir gerade gehört haben, kein Gleichnis ist, wie die beiden anderen Gleichnisse vom Gottesreich, die in demselben Kapitel zu lesen sind, und zwar das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen und das Gleichnis über die Talente. In diesem Text handelt es sich vielmehr um eine prophetische Beschreibung des Jüngsten Gerichts, wenn alle nach ihrem Verhalten gerichtet werden und jeder seinen Lohn nach den Werken der Barmherzigkeit an Bedürftigen und Notleidenden erhält.

  1. Das Thema unseres Textes ist also das Kommen in Herrlichkeit des „Menschensohnes“, das wir in der christlichen Tradition „die Wiederkehr des Herrn“ nennen, sowie das Jüngste Gericht. Wenn das erste Kommen des Herrn im Geheimen und unter bescheidensten Bedingungen erfolgt ist, so wird Seine Wiederkehr in Herrlichkeit und umgeben von allen heiligen Engeln geschehen (vgl. Matthäus 16,27; 19,28; 25,31). Diese Wiederkehr in Herrlichkeit bedeutet gleichzeitig das Ende dieser Welt.

Mit Jesu erstem Kommen ist das „Reich Gottes“ angebrochen durch Seine Predigten und Wunder, die in Seinem Tod und Seiner Auferstehung zum Höhepunkt kamen, wie auch darin, dass der Vater Seinen Geist an Pfingsten gesandt hat zur Gründung der Kirche. Das „Reich Gottes“ oder das „Himmelreich“ ist das zentrale Thema der Verkündigung des Herrn und der Apostel. Das Evangelium selbst ist die Gute Nachricht von diesem Reich (vgl. Matthäus 9, 35; 4,23 …).

Auf Erden ist das Reich Gottes die Kirche, in der wir einen Vorgeschmack auf die ewigen Güter erhalten, die dem Reich Gottes eigen sind, das kommen wird. In der Kirche und durch die Kirche kennen wir Jesus Christus, den Sohn Gottes und Menschensohn, der uns den Vater offenbart hat und uns unablässig den Heiligen Geist sendet. Und ebenfalls in der Kirche vereinen wir uns mit Gott durch die Heiligen Sakramente, besonders in der Eucharistie. Der Sinn der Kirche besteht gerade darin, den Christen zu erlauben, sich zu versammeln, um miteinander das Anbrechen des Reiches Gottes auf Erden zu feiern und an dessen Gaben teilzuhaben.

Die Kirche ist in ihrer Eigenschaft als betende Gemeinschaft eschatologisch orientiert, also auf die Letzten Dinge oder das Ewige und Zukünftige hin.  

  1. Die alte Tradition der Kirche unterscheidet zwischen dem Gericht über den Einzelnen (oder Partikulargericht) unmittelbar nach dem Tod eines jeden Menschen und dem Jüngsten Gericht (oder Weltgericht) über alle Menschen und Völker, also am Ende der Zeiten bei der Parusie des Herrn. Aus vielen biblischen Texten lässt sich auch schließen, dass es ein immanentes Gericht schon zu Lebzeiten gibt in dem Sinne, dass jeder Mensch nach seinen Taten Gutes oder Böses empfängt. Dieses immanente, in der Geschichte sich ereignende Gericht hängt ab von der Vorsehung Gottes, die sich um jedes menschliche Leben im Blick auf seine Erlösung sorgt. So belohnt Gott bereits im irdischen Leben gute Werke, so wie er auch um unserer Sünden willen alles Mögliche an Prüfungen und Leid über uns kommen lässt, die zum Auslöser von Buße und einem Lebenswandel nach seinem Willen werden können. Natürlich schließt dieses Gericht, das nur für die Gläubigen erkennbar ist, das Partikulargericht am Ende des Lebens nicht aus, so wie auch dieses Partikulargericht das Endgericht oder Weltgericht nicht ausschließt, da der Mensch aufgrund seiner Willensfreiheit sein Leben jederzeit zum Guten oder Bösen kehren kann. Und auch nach seinem Tod kann das Gebet und Fürbitte seiner Nächsten und der Kirche sein Schicksal noch beeinflussen, selbst wenn der Mensch dann nichts mehr an seinem Leben ändern und für sich tun kann.

Der heilige Apostel Paulus sprach von jenen, die sich für die Toten taufen ließen (1. Korinther 15, 29), die also Christen wurden, um das Schicksal derer durch ihr Beten und gute Taten zu erleichtern, die nicht getauft waren. Auch dies deshalb, weil die Erlösung selbst von der Gemeinschaft unter den Menschen abhängt. Eine patristische Weisheit besagt, dass niemand sich allein erlöst, sondern nur in Gemeinschaft mit anderen und in dem Maße, in dem er zur Erlösung der anderen beiträgt.

In der Kirche fühlen wir uns unter dem Einwirken des Heiligen Geistes eins im Glauben und in der Liebe mit allen Menschen, wir tragen alle in unserem Herzen als Teil von uns selbst, wir erleben alle Menschen als Teile und Glieder von uns selbst. Wir fühlen uns auch vereint mit der ganzen Schöpfung, die in uns wohnt, weil „der Mensch ein Mikrokosmos ist“ und in sich die ganze Schöpfung erneuert, wie die heiligen Kirchenväter sagen. In diesem Sinne sagt der heilige Isaak der Syrer (7. Jh.), dass „das Zeichen der Heiligkeit ein mitleidsvolles Herz ist“, „das für die ganze Schöpfung brennt, für die Menschen, für die Vögel, für die Trottel, für die Teufel und für jedes Geschöpf... Aus vielem und übergroßem Mitleid, das sein Herz beherrscht, und aus übergroßem Leid trauert sein Herz und kann es nicht mehr ertragen oder hören oder sehen, dass ein Geschöpf Schaden erleidet oder gequält wird... Er betet darum, dass jedes Wesen bewahrt werde und Vergebung erfahre“ (Spruch 81). Und dies deshalb, weil ein mitleidsvolles Herz die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung wie Christus in sich trägt.

Natürlich sind die Werke, die von dem Herrn in unserem Text erwähnt werden, ein Ausdruck der Liebe, die der Christ wesenhaft leistet, ohne sich davon irgendein Verdienst zu erhoffen. Den Nächsten unter allen Umständen Gutes zu tun, auch denen, die auf unsere Liebe nicht mit Liebe antworten, bleibt ein Gebot nur für jene, die noch nicht zur inneren Freiheit gelangt sind. Diejenigen, die sich der Freiheit der Kinder Gottes erfreuen, tun alles grundsätzlich und aus ihrem Wesen heraus aus Liebe ohne irgendeinen Zwang oder etwas im Gegenzug zu erwarten. Die Liebe ist immer geschenkt, wobei sie dann leidet, wenn sie nicht angenommen wird oder darauf nicht mit Liebe geantwortet wird. Gott Selbst leidet, wenn wir auf Seine Liebe nicht mit unserer Liebe antworten.

Die Sünde bedeutet Egoismus, ein Eingeschlossen-Sein in sich selbst, die Suche nach dem Vergnügen und das Verfolgen des eigenen Interesses zu Lasten der Nächsten, die wir gar nicht mehr beachten und nicht mehr als unsere Brüder sehen als Teil von uns selbst und eigene Glieder, sondern nur noch als Objekte und Gegenstände. Dieser egoistische, individualistische Geist, der auf Konkurrenz zwischen den Menschen und auf der Befriedigung eigener leidenschaftlicher Begierden basiert, ist leider in der Gesellschaft von heute der prägende Geist und Charakterzug der Menschen. Dieser Geist ist auf der Welt gegenwärtig seit dem Sündenfall, hat sich aber vielleicht noch nie so wirkmächtig erwiesen wie in der Gegenwart. Genau deshalb ist unser Zeugnis in Wort und Tat als Christen heute nötiger denn je.

Nach den asketischen Vätern hilft uns freilich der Dienst an den Nächsten, vor allem an den Kranken und alte Menschen, mehr noch als das Gebet zum Erlangen eines mitleidsvollen Herzens. Dieses mitleidsvollen Herzens bedürfen wir, um „eine gute Antwort zu geben auf das erschreckende Gericht Christi“, wie wir Orthodoxen in jedem Gottesdienst der Kirche beten.

 

 Metropolit Serafim